Tagebuch des Magiers Rodrik Bannwäldner
23. Ingerimm 1021 BF
Am Morgen zelebrierte man die große Waffenweihe von Rondra
und Ingerimm. Ich hatte es kaum abwarten können hier dabei zu
sein. Übrigens möchte ich wirklich wissen wer
hinterher so gemeine Gerüchte über mich und Ingmar
verbreitet hat. Gut, wir haben tatsächlich zusammen eine
große Kiste mit Munition für die Hornissen
hochgehalten als die Geweihten den Segen sprachen und um uns herum
Schwerter und Säbel gen Alveran gereckt wurden. Aber weder
haben wir dabei irre gelacht, noch sind wir hysterisch kichernd auf und
ab gesprungen. Und Ingmar hat mir versichert, dass er keine Beutel mit
Hagelschlag in die Kiste gepackt hatte. Ich meine, das sind
Metallsplitter. Kunstlos, primitiv und damit wenig Ingerimm
gefällig. Egal was Ingmar zu der grundsätzlichen
Genialität der einfachen Effektivität von Hagelschlag
meinte.
Der Sturm begann! Vor uns stäubten die Landwehreinheiten
auseinander um nicht von Kromm zerstampft zu werden. Mit seiner nun
verdreifachten Geschwindigkeit konnte er mit den Truppen locker
mithalten und Fußtruppen sogar überholen. Um die
allgegenwärtigen Bärenfallen und Fußgruben
brauchten wir uns ja nicht zu kümmern. Aus den Ausfallpforten
der Mauer tauchten die ersten ernsthaften Gegner auf: Sordulim, die
Säuredämonen aus der Domäne der Mishkhara.
Eine gute Wahl zur Abwehr von gewöhnlichen
Belagerungstürmen und Fußtruppen. Nicht jedoch
für den Kampf gegen Kromm! Funken sprühten wenn einer
unseren Golem berührte, aber die applizierten Gardianum-Canti
hielten stand.
Die wenigen Dämonen, die es durch unser heiliges
Hornissensperrfeuer zu uns schafften, wurden von dem Golem mit
gleichgültigen Tritten zertrampelt. Einer wurde sogar so gegen
die Ogermauer geschleudert, dass er ein Loch hinein riss. Schnell
wendete ich den Golem und richtete die sechs in den
Stoßzähnen gespeicherten Desintegrati auf die
Lücke. Stein barst während nur ein Teil der magischen
Energie von den dämonischen Komponenten der Mauer abgewehrt
werden konnte.
Nachdem der bisherige Angriff ins Stocken geraten war, galoppierte
plötzlich die Kavallerie nach vorne. In wildem Angriff
stürmten sie immer schneller gegen die Mauer. An der Spitze
die Löwenbanner der Rondrianer und das Wappen von Ayla von
Schattengrund. Trompeten bliesen donnernde Signale, leuchtende Kreise
erschienen wie Zielscheiben auf der Mauer. Dann prallte die Kavallerie
ohne zu bremsen gegen die Mauer. Und diese barst!!
Etliche dieser Idioten blieben tot zurück oder lagen in
deutlich ungesunden Posen in der Bresche, aber die meisten rasten
weiter hindurch.
Wir wendeten auf die Lücke zu. Die Berittenen
stürmten wie es ihre etwas seltsame Göttin gebietet
mitten unter die Feinde auf der anderen Seite und drohten abgeschnitten
zu werden. Nur das Eingreifen der Gezeichneten wendete das Blatt und
stabilisierte den Brückenkopf hinter der Bresche. Unterwegs
warteten wir erst noch ein wenig ab wie sich die Lage entwickeln
würde, da ritt Dschelef mit unserem Teppich vorbei und
grüßte uns. Etliche tulamidische Elementaristen aus
Khunchom und Mherwed sowie Zaubertänzer und Helfer eilten
herbei und nahmen auf der Mauer Position ein. Endlich verstand ich
Dschelefs begeisterte Erzählungen und Kommentare. Die
würden eine Feldversion von Bastrabuns Bann
durchführen! Abgewandelt von der Abwehr von Echsen auf die
Abwehr von dämonischen Mächten. Wieso
erzählt mir eigentlich nie jemand etwas!?
Fast schon panisch ließ ich den Golem Geschwindigkeit
aufnehmen, um noch durch die Bresche zu kommen bevor sie unpassierbar
für den dämonisch belebten Koloss wurde!
Ulfwin lenkte mich dauernd mit dummen Fragen und Kommentaren ab.
Offenbar verstand er erst jetzt, dass unser Golem mit
dämonischen Mächten geschaffen worden war. Er hatte
ihn doch wirklich für einen „elementaren
Golem“ gehalten. Elementarer Golem... als ob es so etwas
geben würde. Zugegeben, ich hatte ihm einige nicht ganz
ausführliche Informationen über den Golem gegeben und
vielleicht die eine oder andere Kleinigkeit unterschlagen, aber jeder
Magier sollte wissen, dass Golems immer durch dämonische
Kräfte belebt werden!
Mit stapfenden Schritten planierten wir den Weg durch die Bresche, was
daraufhin den Nachschub mit Reiterei deutlich erleichterte. Auf der
anderen Seite wollten wir uns eben als mobiles
Belagerungsgeschütz in die Schlachtreihe einfügen, da
riss vor uns die Welt auseinander. Ein Riss in den Limbus bildete sich
und Tentakel griffen heraus und packten nach dem Rüssel
unseres Golems! Ich schätzte einen Moment lang ab, ob es uns
gelingen würde den Dämon aus dem Limbus zu ziehen,
aber als weitere Tentakel hervor schossen, warf ich die Strickleiter
hinunter und machte mich eilig davon.
Die anderen folgten mir überstürzt und Ulfwin fiel
direkt an mir vorbei. Ich hörte ihn im Rennen noch herum
jammern, sein Bein sei gebrochen. Ich versicherte ihm laut
über die Schulter rufend, ich würde ihm Hilfe
schicken, um seine letzten Sekunden mit etwas Hoffnung zu
erfüllen, bevor er in den Limbus gerissen wird. Aber Hasan
packte ihn im Vorbeirennen und riss ihn mit. Ich änderte die
Laufrichtung ein wenig, um die beiden besser als Deckung meines
Rückzuges nutzen zu können, dann ging es weiter.
Später tauchten auf der anderen Seite der Mauer die
Geheimwaffen Borbarads auf: Die wandernden Festungen:
Die steinerne Schlange von Paavi. Die stählerne
Schildkröte. Die wandernde Burg und einen riesigen
Metallgolem... Kromm! Meine Flüche ließen einige
andere junge Magier erbleichen. Nur Ingmar schaffte es mich im Fluchen
zu überflügeln. Das würden sie
büßen!
Warum hatte ich nicht daran gedacht einen Weg einzubauen, mit dem man
den Golem zerstören konnte! Hier gab es nur eines: Wir mussten
Kromm selber zurück erobern!
Wir Adepten sammelten uns und ritten unter Begleitschutz in die
Schlacht.
Während die Kavallerie uns die Plänkler vom Hals
hielt, ritten wir direkt auf unseren Golem zu. Ein Stück
entfernt blieb ich dicht neben Ingmar stehen, um mir meinen Golem mit
dem Weitensucher an zu sehen. Wir stritten uns kurz um das
Gerät, dann wechselten wir uns ab. An den Zügeln
stand eindeutig ein hochrangiger Paktierer des Schänders der
Elemente. Eine Hand brannte in schwarzem Dämonenfeuer, die
andere glänzte wie Eisen. Das Gesicht verwandelte sich
sichtlich gerade in einen Sturmwirbel. Ich drehte mich zu meinem besten
Freund um: „Na Ingmar, erinnerst Du Dich was im Arcanum
über Paktierer und ihre Dämonenmale steht?“
Er verneinte. „Ein Dämonenmal ist sichtbares Zeichen
des Paktes mit den Niederhöllen. Es ist meist weder
offensichtlich noch schwer zu verbergen.“ Dann sahen wir noch
mal zu dem Kerl der meinen Golem gestohlen hatte: „Nicht
offensichtlich... Tlalucs Atem! Wer sich auf so was einlässt
ist selber schuld! Der hier ist zweifellos im siebten Kreis. Siehst Du
wie die Luft um ihn herum vibriert und wie abgehackt seine Stimme bis
hierher klingt? Die Luft selbst weigert sich seine Stimme zu tragen.
Vermutlich geht er bei der Berührung von gesundem Erdboden in
Flammen auf. Eigentlich kann er einem Leid tun. Wie die Schlacht auch
ausgeht, er geht in die Niederhöllen. Naja, seine
Entscheidung.“ Dann gaben wir unseren Pferden wieder die
Sporen und stürmten los. Wir ritten noch eine Runde im Kreis
bis der Besatzung die Munition für die Hornissen ausging. Wie
ich fast vermutet hatte, hatten sie die versteckte Bodenluke nicht
gefunden. Und die Idioten hatten vergessen zusätzliche
Munition mit zu nehmen. Vielleicht waren sie ja auch von der
Feuergeschwindigkeit unserer mit Animatio verbesserten Hornissen
überrascht worden. Nun war unsere Chance gekommen. Hasan wob
einen Fortifex der den Golem aufhielt. Der Paktierer tobte und
brüllte, aber auf die Idee einfach zurück zu setzen
kam er wohl nicht. Ulfwin wob die Illusion einer Rampe und seine
Illusion gelang ihm so vortrefflich, dass wir sie hochsteigen konnten.
Ingmar fackelte einen der Söldner mit einem Brandbolzen voller
elementarem Feuer ab.
Ein kurzer aber brutaler Kampf entbrannte zwischen den
Söldnern und uns Adepten. Peridan wirkte seine Kampfzauber.
Währenddessen gelang es mir die geistige Kontrolle
über den Golem zurück zu erhalten. Er griff auf
meinen Befehl mit seinem eisernen Rüssel nach hinten und
packte den Paktierer. Ein kurzer Schwung beförderte ihn unter
den Golem wo er von dessen schweren Füßen zerstampft
wurde. Hasans Flammenlanzen und Peridans Fulminictus fegten derweil die
Söldner davon. Ulfwin murmelte dauernd, man müsse das
dämonische Gefährt zerstören, aber ich
ignorierte ihn geflissentlich. Wäre er noch lästiger
geworden, hätte ich wenigstens eine
Einsatzmöglichkeit gehabt, damit das Schlafgift in meinem
Mengbilar doch nicht verschwendet gewesen wäre. Nach dem
Einfüllen in den Dolch geht die Haltbarkeit ja rapide den Bach
runter.
Nun aber hatte ich auf jeden Fall wieder die Kontrolle über
den Golem. Die Adepten feuerten mit den Hornissen auf alles was sich
näherte und nicht unsere Farben trug. Ingmar stieß
mich mit dem Ellenbogen an: „Und was machen wir nun?
Zurück zur Bresche oder machen wir noch einen Umweg um ein
paar Plänkler zu zermantschen?“
Ich schlug vor uns noch die stählerne Schildkröte
vorzunehmen. Die anderen hielten mich zwar für komplett
wahnsinnig, stimmten aber trotzdem zu, nachdem ich meinen Plan
näher erklärt hatte. Wir änderten den Kurs
um den Weg der Schildkröte zu streifen. Als man uns bemerkte
begann die Besatzung des stählernen Ungetüms uns
unter Feuer zu nehmen, aber ein Fortifex Schild ließ gerade
mal genug Platz für unser eigenes Feuer. Unser Begleitschutz
hielt uns weiterhin die feindlichen Plänkler vom Hals. Ich
richtete Kromm noch einmal genau aus und beschleunigte ihn auf
höchste Geschwindigkeit. Da bekam Peridan an einer der beiden
Hornissen einen Armbrustbolzen in den Kopf und fiel bewusstlos in den
Houda. Ich hatte leider keine Zeit mich um ihn zu kümmern,
außerdem sah das sowieso ziemlich tödlich aus.
Kurz vor der Schildkröte drehte ich leicht ab und wir
streiften schräg an der mit wirbelnden Klingen
übersäten Kriegsmaschine vorbei. Funken
sprühten und tiefe Kratzer wurden in Kromms Seitenwand
gefräst. Tief genug und auf so großer
Fläche, dass volle zwanzig der Schutzrunen ausgelöst
wurden! Eislanzen froren das Unmetall der Schildkröte ein,
Feuerlanzen entzündeten das Kobolderz, Eisensplitter
zerfetzten die Schildplatten aus Täuschzinn, Humuswolken und
Druckwellen warfen die Trümmer auseinander. Als wir an der
Schildkröte vorbei waren, brachen die Überreste in
einen rauchenden Trümmerhaufen zusammen, aus dem noch einige
wenige verletzte Überlebende krochen. Ingmar veranstaltete
hier noch ein fröhliches Zielschießen.
Neben uns erstarrte die steinerne Schlange, auf der anderen Seite brach
die wandelnde Burg donnernd in sich zusammen. Von der Oberseite
entkamen kurz vorher noch die Gezeichneten auf dem fliegenden Teppich.
Unter dem Jubel der Truppen zogen wir uns wieder zur Bresche
zurück.