Tagebuch des Magiers Rodrik Bannwäldner
05. Phex 1021 BF
Mit Hilfe der Abschriften, die ich gerade noch rechtzeitig vor der
Rückkehr des Alten anfertigen konnte, ist es mir wie geplant
gelungen alle notwendigen Techniken und Zauber zum Bau von Golems zu
meistern. Ein netter Kollege aus Brabak unterrichtete mich gegen eine
durchaus annehmbare Bezahlung in den noch notwendigen Techniken zur
Perfektionierung meines Konstruktionsplanes. Zusammen mit Ingmar, dem
einzigen vernünftigen Magier der außer mir noch
seinen Abschluss in Armida gemacht hat, plante ich in wochenlanger
Arbeit mein Meisterwerk: Einen Golem, wie ihn Dere noch nie gesehen
hatte. Kein mickriger humanoider Kampfgolem, sondern ein riesiger
Mammut-Golem!
Eine kleine Änderung des Lehrplanes sorgte dafür,
dass beim nächsten Ausflug der aktuellen Schüler
unserer Akademie die Erschaffung eines Mammuts aus Gusseisen auf dem
Plan stand. Die Adepten beschworen etliche Djinne des Erzes und
ließen sie Eisen aus einer nahen Erzader ziehen und in die
richtige Form bringen. Von den heptassphärischen Essenzen mit
denen wir das Ritual des Chr'Szess'Aich durchgeführt hatten,
konnte ich leider nur wenig beiseite schaffen. Aber vom
Hölleneisen Agrimoths hatte ich vorsichtshalber gleich etwas
mehr in Brabak bestellt. Indem ich mit den brabaker Techniken das
normale Eisen damit legierte, konnte ich das Ritual der Belebung
deutlich erleichtern.
17. Phex 1021 BF
Es ist vollbracht! Der Golem ist erwacht! Ich hatte ihn nach dem alten
Gott der übertriebenen Gewaltanwendung der
Gjalskerländer benannt: „Kromm“
Den Gott hatte ich natürlich frei erfunden, aber den Adepten
gefiel es, und meiner Ansicht nach verlieh es dem von mir spontan
erfundenen Namen deutlich mehr Würde.
Ingmar brachte gleich noch die vier Hornissen an den Ecken der Houda an
und füllte den Laderaum mit Munition. Wenn er mit seiner
stinkenden Pfeife oben im Houda mit ritt, konnte man manchmal denken
der Golem würde mit Dampf angetrieben. Eine natürlich
absolut lächerliche Vorstellung.
Die nächste Abschlussklasse der Akademie hatte bereits
sämtliche geplante Glyphen angebracht und aktiviert. Ich habe
mir notiert, dass wir das nächste Mal die Glyphen des
Basilisken definitiv als letzte anbringen werden. Es war sehr
mühsam laufend Adepten mit Antimagie zu entsteinern.
Leider hatte ich es durch unseren doch etwas angespannten Zeitplan
nicht mehr geschafft eine Möglichkeit zu finden um Kromm aus
dem Rüssel Hagelschlag feuern zu lassen. Das würde
ich mir dann wohl für die nächste Version aufheben
müssen.
Besonders genial fand ich immer noch die Verteidigung: Überall
wo Platz war, brachten wir einfache aber an sich nutzlose Singende
Zeichen an. Diese wurden allerdings alle mit der Schutzglyphe versehen
und würden daher jedem der sie beschädigte mit einer
elementaren Entladung beachtlicher Stärke antworten.
19. Peraine 1021 BF
Der Transport des Golems an die Front hatte mich in der Planungsphase
vor einige Probleme gestellt. Immerhin wollten wir unseren Gegner nicht
warnen. Außerdem fürchtete ich mit Rondrianern und
fanatischen Praios-Geweihten möglicherweise unnötige
Diskussionen führen zu müssen. Dank der Passworte der
Gezeichneten hatten wir aber immer noch vollen Zugriff auf Berichte der
KGIA. Interessanterweise wusste man dort offenbar noch nicht, dass die
Gezeichneten sich aktuell nicht in Armida aufhielten und auch wir den
Kontakt verloren hatten. Wir bekamen trotzdem alle Zeitpläne
und Berichte die wir anforderten. Darunter auch die Marschroute der
Gjalskerländer Mammutreiter, denen wir ins an einer
Straße kurz vor Wehrheim anschlossen. Es wäre
übertrieben gewesen zu behaupten, dass wir mit ihnen zusammen
ritten. Immerhin ließen sie unseren vergleichsweise langsamen
Golem regelmäßig weit hinter sich zurück.
Aber da sie häufige Pausen zum Füttern der Mammuts
machen mussten, während wir ohne Pause Tag und Nacht reiten
konnten, holten wir sie stets schnell wieder ein. Gute Zeitplanung
ermöglichte es uns, an allen größeren
Städten und Kontrollposten gemeinsam durch zu reiten. Raskar
Ogerschreck fand unser lahmes Mammut zwar etwas seltsam, ließ
sich aber mit einem Fässchen Schnaps überreden so zu
tun, als gehörten wir zu ihm.
22. Ingerimm 1021 BF
Unter Angstrufen und Panikausbrüchen ritten wir mit den
Mammutreitern in das Kriegslager vor der Ogerpforte ein. Unwissendes
Bauernpack hielt die Mammuts tatsächlich für
„Zweigehörnte“.
Abends kam Rotauge vorbei um unseren Golem zu inspizieren. Ingmar und
ich brachen in unser leider immer mehr zur Gewohnheit werdendes
Gekicher aus, als er ihn überschwänglich lobte. Er
kritisierte nur die extrem niedrige Geschwindigkeit. Damit
würden wir zu weit hinter der Schlachtreihe zurück
bleiben und ein zu einfaches Ziel für
Belagerungsgeschütze bieten. Ich ging mit ihm die Berechnungen
durch und konnte ihm klar nachweisen, dass ich das Maximum herausgeholt
hatte. Ein so großer Golem konnte nun mal nicht noch
schneller werden, es sei denn ich würde auf eine echte
Beseelung durch einen gehörnten Dämon
zurückgreifen... und er stimmte mir zu, dass das hier keine
gute Idee gewesen wäre. Er fragte bei den umstehenden
Schaulustigen kurz herum ob jemand des Axxeleratus mächtig
wäre. Eine wunderschöne Elfin trat aus der Menge
hervor und bot ihre Hilfe an. Nachdem Rotauge aber erklärte,
dass der Zauber für den Golem gedacht war, zögerte
sie und lehnte bedauernd ab. Die dämonischen
Präsenzen würden nicht mit elfischer Magie
harmonieren. Ich schlug hilfsbereit das Hinzufügen
disharmonischer Interferenzschwingungen mit einer allgemeinen
heptasphärischen Komponente vor, aber nachdem sie meine
Ausführungen nach einigen hilfreichen Erklärungen
verstanden hatte, stürzte sie plötzlich
würgend davon. Ich roch prüfend. Vermutlich lag es an
Ingmars Pfeife. Ich würde ihn irgendwann fragen
müssen was er da eigentlich raucht.
Mit den ganzen Magiern im Feldlager war es dann aber kein Problem
jemanden mit einem stärkeren Magen zu finden. Derweil hatte
Rotauge einige Helfer der Puniner Akademie aufgetrieben. Ein Dutzend an
sich unnützer älterer Magier, die sich schier
überschlugen dem Herrn Erzmagus helfen zu dürfen.
Nachdem er mir verriet was er vorhatte, wunderte mich das auch nicht.
Er würde einen Infinitum auf den Axxeleratus sprechen, um
dessen Wirkung auf ewig fortwähren zu lassen.
Die mehrtägige Vorbereitung des Zaubers ersetzte er durch
mehrere Helfer, die auf seine Anweisung hin in wenigen Stunden den
Ritualkreis zeichneten, Kerzen entzündeten, die
örtlichen astralen Interferenzen mit Oculus und anderen
Hellsichtszaubern analysierten und die notwendigen Berechnungen
anstellten. Dann sprach der Magier aus Gerasim den Axxeleratus und
unser Erzmagier seinen mächtigsten Zauber. Eine Welle aus
Magischer Kraft breitete sich auch für Nichtmagier sichtbar in
konzentrischen Kreisen aus dem Golem aus, als das Weltgefüge
durchgeschüttelt wurde und der Axxeleratus dauerhaft auf dem
Golem fixiert wurde.
Einen Moment lang sah sich Rotauge aus irgendeinem Grund
nervös um, lächelte dann aber wieder entspannt und
begleitete mich zum Zelt der Adepten. Dort hielt er eine flammende Rede
um uns für die folgende Schlacht anzufeuern. Hätte
ich ihm gar nicht zugetraut. Er riss uns alle so mit, dass wir seine
Worte am Ende laut brüllend wiederholten und am liebsten in
die Nacht gestürmt wären, um ein paar Borbaradianer
zu erschlagen. Nachdem die Emotionen abgekühlt waren, gingen
wir dann aber doch in unsere bescheidenen Feldbetten.
Als alle anderen Adepten bereits schliefen, hatte ich noch einen Termin
den ich schon vor über einer Woche vereinbart hatte. Leise
schlich ich aus unserem Zelt, grüßte
höflich den etwas verdutzten Wachsoldaten und ging dann zum
Kommandohügel, zum Zelt der Praios Geweihten. Nachdem ich mich
vorgestellt hatte, wurde ich hinein gelassen und nach hinten in das
Gemach des Inquisitionsrates Amando Laconda da Vanya. Das Gespräch erscheint mir wichtig genug es
größtenteils verbatim fest zu halten:
Er begrüßte mich mit festem, fast schon
misstrauischem Blick: „Praios zum Gruße Adeptus
Bannwäldner. Ich muss zugeben ich war erstaunt als ich von
eurer Bitte um eine Audienz erfuhr.“
„Die Zwölfe zum Gruße,
ehrwürdiger Inquisitionsrat. Ich muss gestehen, dass es mir sehr
schwer fiel dies einzugestehen, aber ich benötige die Hilfe
eines Geweihten. Und nachdem ich mit Erzmagus Torben über
meine Probleme sprach, empfahl er mir euch aufzusuchen. Er beschrieb
euch als hart, aber stets fair.“
Er sah mich streng über seine zu einem Dreieck gefalteten
Hände an. Er bedeutete mir auf dem Feldstuhl vor seinem
Schreibtisch Platz zu nehmen: „Dann sprecht.“
„Nun, ihr habt vielleicht schon von meinen... Forschungen
gehört...“
„Ich habe Berichte erhalten. Besorgniserregende Berichte.
Entsprechen sie der Wahrheit?“
„Nun... vermutlich.“
„Ihr habt nicht einmal gefragt was genau mir zugetragen
wurde.“
„Ich... studiere die Kunst der
Dämonenbeschwörung. Natürlich nur zum Zwecke
der Austreibung...“ Die Worte blieben mir unter dem strengen
Blick und einer hochgezogenen Augenbraue im Mund stecken. Ich schluckte
und fuhr fort: „Vielleicht nicht nur zum Zwecke der
Austreibung...“
„Habt Ihr Dämonen tatsächlich
beschworen?“
„Nun... ja. Aber nicht viele. Genug um zu wissen wie
gefährlich es ist.“
„Gefährlich für euch?“
„Für mich und alle in meiner Umgebung. Ein
freigekommener Dämon ist etwas Schreckliches.“
„Eine lobenswerte Erkenntnis. Aber es hat euch nicht
völlig davon abgehalten eure... Kunst
auszuüben.“
„Nein. Das hat es nicht. Was mich zu meinem heutigen Besuch
bringt.“
„Ich höre.“
„Ich werde Morgen mit meinen Gefährten und vielen
tapferen Soldaten in die Schlacht reiten. Auf e-einer
mächtigen Kriegsmaschine, einem Golem.“
Ucurian Jago blätterte demonstrativ in einigen Dokumenten die
er auf seinem Schreibtisch vorbereitet hatte: „Dem
‚Elementaren Golem‘ der bei der Heeresleitung
angekündigt wurde.“
„Nun...“
„Es gibt keine elementaren Golems. Nur
dämonische.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, sondern
als reine Feststellung.
„Das ist richtig, aber man könnte durchaus eine
eiserne Statue von Dschinnen des Erzes bewegen lassen.“
„Das habt ihr aber nicht getan.“
„Nein... nein das habe ich nicht. Er ist
dämonisch.“
„Nun gut. Darüber werden wir eventuell
später noch sprechen müssen. Aber nun fahrt
fort.“
„Ja, Hochmeister. Ich werde auf dieser Kriegsmaschine
Gelegenheit haben Großes zu leisten oder großes
Unheil anzurichten. Nirgends waren je die niederhöllischen
Mächte stärker konzentriert. Ihr Einfluss direkter.
Und es ist nicht unmöglich, dass meine Seele im Laufe meiner
Studien und Praktiken von einem Erzdämonen ohne mein Wissen
berührt wurde. Sollte dies der Fall sein, wäre ich
hier weiteren Einflüsterungen schutzlos ausgeliefert. Ein
Angebot im falschen Augenblick könnte... fatal sein. Ich bitte
daher um die Möglichkeit Beichte zu tun, die Gabe der
Absolution zu erhalten und einer Seelenprüfung unterzogen zu
werden.“
Ich schwöre, ich konnte einen Moment Überraschung im
sonst so bewegungslosen Gesicht des Hochmeisters sehen: „Ihr
bittet darum einer Seelenprüfung unterzogen zu
werden?“
„Ja, Hochmeister.“
„Ihr seid euch auch im Klaren darüber, dass Ihr,
sollte ich mehr als nur eine einfache Befleckung entdecken, dem
reinigenden Feuer überantwortet werdet?“
„Ich bitte sogar darum.“
Laconda DaVanya lehnte sich zurück und forderte mich mit einer
Geste auf mich genauer zu erklären.
„Seht, ich kenne Paktierer. Das heißt, ich habe
einige während der Schlacht um Armida gesehen und zahlreiche
Berichte gelesen. Die sind, mit Verlaub, alle vollkommen bekloppt. In
keinem Fall lohnt sich der Gewinn zusätzlicher
Fähigkeiten und Kräfte in Anbetracht des
völligen Verlustes an Zurechnungsfähigkeit und
Lebensqualität. All diese Paktierer sind gequälte
Seelen, deren Persönlichkeit von dem heptasphärischen
Einfluss immer weiter in den Hintergrund gedrängt wird. Sie
haben keine Freunde, höchstens Verbündete. Sie
empfinden keine Freude mehr, nur noch Gier. Sie können ihre
Erfolge nicht mehr genießen, denn alles was sie erreichen
gehört dem Erzdämon dem sie dienen. Ihr
Dämonenmal entblößt ihre Untaten
für alle und Ihre Seele gehört den
Niederhöllen.“
„Weise Worte. Ich werde eure Bitte erfüllen. Doch
ich verspreche keine Schonung, sollte das Ergebnis gegen euch
sprechen.“
Die nächste Stunde war... unangenehm. Nach Ende der Zeremonie
blickte er mich ernst an: „Kein Erzdämon hat eure
Seele berührt.“
Ich war äußerst erleichtert, wie man sich vorstellen
kann.
„Ihr dürft an der Schlacht teilnehmen. Aber wenn
dies alles vorbei ist, erwarte ich euch und euren Golem bei mir. Ich
werde seine dämonische Essenz persönlich dem
gerechten Blick Praios aussetzen.“
„Kein Problem. Ich werde ihn herbringen.“
Wir sahen uns eine Zeitlang stumm gegenseitig in die Augen, dann meinte
er leicht amüsiert: „Ihr habt nicht die leiseste
Absicht wirklich zu kommen.“
„Nein, ehrenwerter Inquisitionsrat.“
„Nun gut. Aber wisset, wenn Ihr jemals bei eurer
Gratwanderung auf dem Abgrund straucheln solltet, wenn ihr
während dieser heiligen Schlacht der Versuchung erliegt einen
Dämonen zu beschwören...“
„Ich weiß, ich weiß. Das reinigende
Feuer.“
Danach hatte ich noch gerade genug Zeit um ein wenig Schlaf zu finden.
Den Schlaf des Gerechten.