Tagebuch des Magiers Torben ibn Abdul (20. Ingerimm 1020 BF)

22. Ingerimm 1020 BF
Unsichtbarer Turm im Ambossgebirge

Dem großen Rohal gegenüber zu stehen überwältigte mich, so dass ich keine vernünftigen Worte oder gar sinnvolle Fragen finden konnte. Dabei war mir klar, dass wir nicht lange Zeit haben würden. Borbarad würde jeden Moment auftauchen und die fröhliche Unterhaltung beenden. Und selbst wenn wir überleben und Rohal sicher nach Punin bringen konnten, würde er dort von anderen Magiern sicher so in Beschlag genommen werden, dass ich kaum wieder die Gelegenheit haben würde mit ihm zu reden.

Meinen Gefährten ging es nicht viel besser. Die würdevolle und freundliche Ausstrahlung des Uralten verleitete uns zu Fragen, deren Antworten uns notgedrungen nicht weiterhalfen. Als ich feststellte, dass Rohal uns keine wirklich konkreten Auskünfte zu geben wünschte, sicherlich wieder eine Auswirkung von entweder dem Mysterium von Kha oder Niobaras prophetischer Unschärfetheorie, sank mein Respekt ein wenig. Vielleicht war dies doch nur ein alter Mann der zu lange im Limbus gesteckt hatte.

Dann trat er auf DeLinths Frage vor und setzte ihm als Antwort seine Rohalskappe auf. Silberne Verzierungen an der Stirn, die Stählerne Stirn! Das fünfte Zeichen! Und gar Rohals mächtigstes Artefakt, die Kappe, die den Legenden zufolge einen Großteil seiner Weißheit aufgenommen hatte!

Klug ist unser DeLinth schon lange genug, doch nun würde seine Klugheit noch durch die Weißheit der Äonen ergänzt werden. Das allein war schon eine überwältigende Hilfe und eine überaus beeindruckende Gabe.

Doch während ich noch überlegte, wie wohl die astrale Struktur dieser Kappe aufgebaut sein würde, drehte der Weise sich zu mir um: „Und dies ist für Euch, damit Ihr das Gleichgewicht der Macht ein wenig zu Euren Gunsten verrücken möget.“
Damit überreichte er mir eine dicke Schriftrolle aus edelstem Pergament. Verblüfft öffnete ich sie natürlich sofort und überflog den Inhalt. Schon die Überschrift in Rohals präziser und gleichmäßiger Handschrift gab mir das Gefühl den Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Damit hatte ich nicht gerechnet: „Thesis Rohalis: Infinitum Immerdar“
DER Zauber aller Zauber. Die krönende Spitze der Artefaktmagie! Hesinde und Nandus seien  gepriesen!

Während ich noch den Inhalt der Thesis überflog und mir bereits Sorgen darüber machte, wie wohl Satinav auf eine weitere Anwendung temporaler Magie durch mich reagieren würde, flammte mein Rubinauge plötzlich leicht auf. In meinen Gedanken vernahm ich eine Stimme, ähnlich der Rohals und doch so anders, die mich in Urtulamydia begrüßte. In einem Dialekt der mir seltsam bekannt vorkam:

„Sei gegrüßt edelster Weggefährte.“

Was erdreistete sich dieser Dämonenknecht? Wie kam er dazu mich so vertraulich anzureden?!?
Auch Rohal schien seinen Bruder wahrnehmen zu können, denn er trat plötzlich ein paar Schritte vor, sah sich um und rief: „Hesinde, steh mir bei! Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell sein würde!“

Während meine Gefährten zu den Waffen griffen, ließ ich einen in meinem Stabspeicher vorbereiteten und auf Wirkungsdauer optimierten Armatrutz auf mich wirken. Bereits vor dem Aufbruch zu Rohals Begrüßung hatte ich mich mit dem „Armreif des gestärkten Magus“ versehen. Höhere Gewandtheit, Fingerfertigkeit und Klugheit würde ich hier ebenso gut brauchen können wie während des Rituals für das ich dieses Artefakt ursprünglich erschaffen hatte.

Wolken zogen auf, die Vögel verzogen sich verängstigt im Unterholz. Selbst die Harpyien schienen beunruhigt.

Wieder erklang SEINE Stimme in meinem Geist: „Endlich. Du bist da. Dass DU gekommen bist!“

Ein Hauch von Freude schwang in seinen Gedanken mit. Die Gefühle des Wiedersehens eines alten Freundes. Und etwas in mir schien ihm antworten zu wollen. Etwas in mir kam diese Vertrautheit vollkommen natürlich vor.

„Kannst Du denn noch zögern mit all diesem Wissen? Du weißt was ich will und du weißt, was nur wir schaffen können.“

Was meinte er? Was wollte Borbarad der Zerstörer und Schänder der Elemente erschaffen? War er in seinem langen Aufenthalt im Limbus ein wenig… seltsam im Kopf geworden?

„So viele Fragen, so so viele Fragen und Du WEISST, nur ich habe die Antworten.“

Fragen? Natürlich hatte ich Fragen: Was willst Du und wie kann ich Dich endlich endgültig aufhalten?

„All dieser Hass! Diese Rache! Diese Gier! Du hast sie nicht vergessen können? Und die Macht? Hast Du die Macht vergessen? Die Freude, die wir hatten?“

Rache! Rache für den Verrat bei Zhammorah! Ich erinnere mich nicht an die Freuden, ich erinnere mich nur an Feuer, Zerstörung und das Singen der Steine der Zyklopen als sie die Luft durchpflügten und auf meine Stadt zuflogen.

„Du fühlst es nicht nur, Du weißt es: Ich will nicht zerstören, ich will erschaffen. Jetzt wo Du den Moment des Verstehens erreicht hast, schließ Dich mir an.“

Niemals! Keine Ahnung wovon ER redete. Vielleicht verwechselte ER mich mit jemandem? Oder redete ER gar nicht mit mir sondern mit dem Geist des Rubinauges? Was war, wenn sich das almadine Auge gegen mich wendete und die Seiten wechselte? Ich schob die unsinnige Vorstellung von mir, für so was war jetzt keine Zeit. Ich konnte IHN spüren. Der Himmel hatte sich in den wenigen Sekunden seit den ersten Worten die ich in meinen Gedanken hören konnte verdunkelt. Blitze zuckten am Himmel.
Nun sah ich die astralen Fäden der Umgebung sich winden und verzerren. Ein Loch in der Welt, ein planastrales Portal öffnete sich. ER trat hervor und hinter ihm wanden und wimmelten unzählige Dämonen. Nur darauf wartend hervor zu stürmen und uns zu vernichten. Nur darauf wartend, dass ER den Befehl gab.

Doch noch war der Moment dazu nicht gekommen.

Schneller als meine Augen folgen konnten legte Firunja einen Pfeil auf den bereitgehaltenen Bogen und schoss. Der übereilte Schuss verfehlte sein Ziel, aber der Dämonenmeister griff den Pfeil trotzdem neben sich aus der Luft und verzog genervt das Gesicht. Astrale Muster flammten zwischen Firunja und dem Pfeil auf und mit dem immer noch aktiven Almadinen Auge sah ich einen Teil ihres permanenten Astralmusters herausgesaugt werden. Mit einer Handbewegung und seinem Willen allein hatte Borbarad den Pfeil in ein Artefakt verwandelt. Und es war klar, dass dieser Pfeil eines Tages gegen Firunja eingesetzt werden würde. Vermutlich wie eine Art Nagrachpfeil. Oder schlimmeres…

Fesseln aus Magie schossen blitzschnell von Borbarad auf mich und meine Gefährten zu und umgaben uns mit den lähmenden Netzen eines Paralü-artigen Zaubers. Meine Gefährten erstarrten mitten in der Bewegung. Aber mich würde er mit seinen Tricks nicht aufhalten! Mich würde er niemals so einfach stoppen! Ich machte mich auf vor zu stürmen um IHN mit bloßen Händen zu erwürgen…
Nun gut, vielleicht auch nicht. Als meine Füße sich ebenso wenig bewegen ließen wie meine Hände, musste ich einsehen, dass er mich auch erwischt hatte.

Die beiden Söhne des Nandus begannen wie damals über der Gor wieder eines ihrer berühmten Streitgespräche. Doch hatte ich das Gefühl, als wäre der Ton deutlich schärfer. Die Antworten deutlich härter.
Sie bezeichneten sich gegenseitig mit Ihren Titeln „Alveraniare des verbotenen und des geheimen Wissens.“

Rohal nannte Borbarad den „Geber der Gestalt“ der Welt. Und dieser Rohal den „Nehmer der Welt“. Ein Begriff den ich mit Schaudern aus den Prophezeiungen erkannte. Der Nehmer der Welt würde dem Geber der Gestalt weichen. Das klang nicht gut.

Rohal warf seinem Bruder vor die Seelen der Sterblichen zu stehlen, was dieser auch nicht verneinte. Er behauptete, dass er nur die stärksten genommen hätte, und dass Madas Gabe jeder Seele zustehen würde. Dann gab er wieder mit seiner Dämonenkrone an.
Rohal war entsetzt. Sieben Pakte einzugehen schien ihm ein ungeheuerlicher Wahnsinn. Und Recht hatte er!

Borbarad schien sich darüber nur zu amüsieren. Er war der Meinung seine Seele sei der größte Schatz seit den Versuchungen von Levthan, ChrKhonChrr und dem Namenlosen. Die Erzdämonen würden sich bei dem Versuch ihn in die Hände zu bekommen nur gegenseitig zerfleischen. Meinte er den Kriegsgott der alten Echsen? Wovon redeten die jetzt schon wieder?

Rohal versuchte ihn zu besänftigen und wandte ein, dass diese allesamt gefallen seien, doch Borbarad wollte nichts davon hören. Er schrie, dass er nicht fallen würde und dass er nicht mehr der Bruder Rohals sei, sondern bekannte sich zu seinem Namen: Borbarad.

Eines war mir klar: Die Einsätze in dem Spiel zwischen den Brüdern waren in diesem Zeitalter auf das Maximum erhöht worden. Es ging um alles oder nichts. Wo Borbarad sich stets gescheut hatte auch nur einen einzigen Pakt einzugehen, hatte er nun sieben geschlossen.

Borbarad behauptete irgendetwas Wichtiges zu wissen. Dieses Zeitalter würde ihm allein gehören. Er sei Äonen alt und ewig und im Gegensatz zu Rohal, wisse er dies.

Er sprach:„Du hast mich nur über der Gor besiegt, damit ich nun Dich besiegen kann! Ich benötige weder Bannfluch noch Gesten noch Formel: Rohal SEI NICHT MEHR!“

Das Geflecht der Magie das sich zwischen den beiden bildete und sie umgab war für meine hellseherische Begabung unentwirrbar. Astrale Stürme tobten um uns herum, Blitze zuckten, die Elemente gerieten in Aufruhr. Mindergeister erschienen… und starben.
Wind brüllte auf und warf unsere erstarrten Körper umher. Ich konnte sehen wie Firunja gegen den unsichtbaren Turm prallte.

Dann verblasste Rohal vor unseren Augen. Und verschwand. Einfach so. Der magische Sturm legte sich.

Triumphierend drehte sich Borbarad zu DeLinth herum. Sein Blick fiel auf die Rohalskappe: „Dieses ganze Kämpfen und all der Streit ist doch nicht nötig. Gib mir die Kappe und ihr könnt in Frieden ziehen.“

DeLinth Antwort war kurz, präzise und eindeutig: „Niemals.“

Nun verlor Borbarad zum ersten Mal soweit ich mich erinnern kann wirklich die Beherrschung: „Gib mir die Kappe, Goblinesker!“ brüllte er.

So stark war die hypnotische Macht seiner Stimme, dass ich mir wünschte eine Kappe zu haben, die ich ihm geben konnte. Tentakel aus astraler Energie zuckten auf DeLinth zu. Eine Macht die zwanzig Magier in die Knie hätte zwingen können, schlug über meinen Freund zusammen.
Doch die Astralmuster erreichten ihr Ziel nie. Ausgehend von der Rohalskappe bildete sich ein im Astralraum geradezu gleißendes Bollwerk aus Antimagie an dem Borbarads Beeinflussungszauber abprallte. Auch der lähmende Zauber der uns alle umgab, brach nun zusammen.

Inzwischen hatte ER sich wieder unter Kontrolle. Mit steinernem Gesicht wandte ER sich dem immer noch offenen Portal in den Limbus zu und winkte im vorbeigehen seiner Dämonenhorde zu: „Holt mir die Kappe!“

Während er gelassen im Hintergrund stand, stürzten sich nun die Dämonen auf uns. Es waren widerliche, mutierende und chaotische Bestien. Ähnlich den säbelzahntigerartigen Zants, aber mit Hörnern, Skorpionschwänzen, Hummerscheren und unzähligen zusätzlichen Mäulern und Gliedmaßen. Nicht nur dass sie heulten und tobten wie die sprichwörtlichen Dämonen, diese Viecher verspotteten und beleidigten uns auch noch ohne Unterlass. Sogar die Harpyien fühlten sich durch diese Verbalattacken herausgefordert und stürzten sich an unserer Seite ebenfalls in den Kampf.

Faldegorn der Drache erhob sich in den Himmel und begann über dem Schlachtfeld zu kreisen.

Das Ziel der Dämonen war klar. Die Rohalskappe. Aber wie sollte ein alter Magier gehörnte Dämonen aufhalten? Ich griff meinen Stab fester. Die Kraft von drei Männern strömte aus meinem Stabspeicher in meine Gliedmaßen, dann aktivierte ich noch den Axxeleratus in meinem Beschleunigungsartefakt. Eigentlich wollte ich dieses auch noch auf meine Gefährten benutzen, aber den ganzen Kampf über fand ich nicht einmal die Zeit für diese kleine Geste. Denn schon stürmten die Dämonen! Blitzschnell zog ich Oas’al’Bastra und im Chor mit der kleinen Stimme des Schwertgeistes stimmte ich ein lautes: „Für die Schöpfung! Nieder mit dem Dämonengezücht!“ an. Dann warf ich mich zwischen die Horde und DeLinth.
Neben mir stürmten meine Gefährten los.

Thallian versuchte Rohezals Tochter zu retten die etwas hilflos vom Schlachtfeld rannte, aber einer der Dämonen erwischte sie und zerrte sie in den Limbus. Im letzten Moment hatte Rohezal noch einen Paralü auf sie anwenden können, um sie wenigstens vor Schaden zu bewahren. Fürs erste…

Doch nur fünf Meter weiter öffnete sich der Limbus wieder, der Dämon stürzte heraus und schleuderte die versteinerte Frau mit Wucht auf den guten Salix. Flink wie ein Wiesel duckte er sich unter dem Geschoss hindurch, welches sich Kopf voran in den Boden bohrte.

Dann stellte sich Thallian dem ersten Dämon. Böse Spottworte rufend stürzten diese sich auf ihn:

„Denkst du die Löwinnenmetze ist bei dir? Sie lacht jetzt über Dich!“
„Harhhaarr, ehrenhafter Kampf! Du bist so lächerlich, ich werde mir ein Kleid aus deiner Haut machen“
„Ich habe Geron zerstückelt und du wirst ihm folgen, er war ja soooo schwach.“
„Die Thalionmelschlampe hat sich aber besser geschlagen als Du!“

Seine Haut verfärbte sich zu grünen Schuppen und das unverkennbare Brüllen des Leviatanim ertönte, als er voller rechtschaffenem Zorn die Macht der Echse anrief.

Rohezal und Wolfhagsson, der mitten in den Weg der meisten Dämonen geraten war, wurden von der ersten Welle über den Haufen gerannt, rappelten sich dann aber schnell wieder auf. Ein Kulminatio Rohezahs ließ einen Dämon in zuckenden Brocken auseinander fliegen.
Wolfhagsson versuchte vergeblich sich der Übermacht zu erwehren. Kaum hatte er sich wieder hochgerappelt, wurde er nieder getrampelt, geschlagen, gestochen und umgeworfen. Und die Wunden, die diese Bestien rissen, waren keine gewöhnlichen! Jeder Brocken, jedes Stück der Dämonen das in der Wunde blieb bewegte sich weiter, biss und fraß sich durch den Körper. Und dann wichen diese Kreaturen auch noch immer wieder in den Limbus aus oder teleportierten kurze Strecken. Verschwanden und tauchten auf, wo man es nicht vermutete!

Doch ich konnte ihm nicht zu Hilfe eilen. Mein Platz war vor DeLinth. Ihn, bzw. sein ZEICHEN wollten die Bestien. Doch sie würden meinen alten Freund nicht bekommen!

Während ich einen der Dämonen nach dem anderen mit magisch verstärkten Hieben niederstreckte, begann DeLinth zu zaubern. Diesmal würde ich nicht in einen hirnlosen Blutrausch geraten sondern systematisch und strategisch sinnvoll handeln. Dachte ich zumindest, bis dieser Dämonenbastard plötzlich vor mir aus dem Limbus trat und mir ein höhnisches: „Wir werden Dich in voll gepisstem Sand begraben!“ entgegen rief. Wenigstens schaffte ich es, meine Aggression auf die Dämonen zu konzentrieren, die versuchten zwischen mich und DeLinth zu kommen.

Faldegorn der Drache kam in einem Sturzflug herab geglitten und warf einen mächtigen Drachenatem auf die Dämonen. Die Flammen vernichteten Gras und Büsche, aber von den Dämonen glitten die Flammen ab wie Wasser von einem eingeölten grangorer Marinesoldaten. Ihr Meister musste sie feuerfest gemacht haben. Außerdem bewegten sie sich mit rasender Geschwindigkeit und die Wunden schlossen sich während man zuschauen konnte.

Immerhin hatte der Flammensturm Thallian den Raum verschafft um richtig Anlauf nehmen zu können. Mit lautem „Für Rondra!“ zerteilte er einen Dämon so heftig in zwei Teile, dass es auch für vier Dämonen gereicht hätte. Die Brocken waren tot bevor sie auf der Erde aufschlugen.

Salix erzählte später von einem Dämon, auf dessen Brustkorb sich das Gesicht eines jungen Mannes gebildet hatte, der bitterlich um Gnade bat. Das lenkte den weichherzigen Gaukler genug ab, dass er einen bösen Treffer ab bekam, als der Dämon natürlich hinterlistig zuschlug. Durch das ganze Blut das ihm in die Augen lief behindert, konnte er sich nur noch schwer wehren. Der Dämon verspottete ihn mit unsinnigem Geschwätz: „Deinen Großvater haben wir auch hier drinnen!“

Neben mir war Firunja nach dem Abschuss einiger Hämmerer in den Nahkampf gegangen. Als ich mich umdrehte, riss sie gerade dem Dämon ein Stück Fleisch aus der Kehle und spukte ihr eigenes Blut in die Wunde. Wenigstens würde DIE mich hinterher nicht wegen übertriebener Aggression im Kampf tadeln können. Hinter ihr ging Wolfhagsson erneut unter einem Dämonenansturm zu Boden. Hoffentlich hatten die ganzen Höllenpein Zauber und DeLinths sonstige Trainingsmethoden seine Reflexe nicht beschädigt.

Rohezal bemerkte sein Dilemma und rief laut: „Reversalis Sutcinimluf!“ Eine Welle heilender Energie durchtoste den Raum und unter den Dämonen rührte sich wieder unser wolfsgesichtiger Gefährte.

Rohezal rief uns zu, dass wir uns um ihn herum sammeln sollten. Ich vertraute darauf, dass er einen guten Grund dafür hatte. Ich packte den immer noch Zaubersprüche murmelnden DeLinth kurzerhand unter den Arm und rannte durch meinen Axxeleratus beschleunigt auf Rohezal zu. Nur ein kurzer Protest ertönte, dann musste ich mit dem Magier im Arm schon wieder Dämonen ausweichen.

Wolfhagsson wollte uns folgen, aber die Dämonen prügelten ihn vor sich her wie einen Hund. Wollte er nicht mal zurück schlagen? War der Kerl inzwischen zu Tsa konvertiert?

Der Drache stürzte im Tiefflug über ihn hinweg und fegte die Dämonen von ihm fort. Nun hatten wir uns alle um Rohezal versammelt. Mit kurzer Geste wirbelte er seinen Stab über uns: „Gardianum Contra Daemonis!“ Eine leicht grünliche Kuppel erschien über uns mit gut 21 Schritt Radius. Die wilden Dämonenhiebe prallten davon ab, doch es war klar, dass uns nur wenige Sekunden zum Atem holen blieben. Schon bildeten sich erste Risse im Astralmuster. Dämonen prügelten hirnlos auf unseren Schild oder gegenseitig aufeinander ein.

Der Weise streckte seinen Stab aus: „Schnell, Eure Hände auf den Stab!“
Kaum berührten alle den Stab, sprach er: „Reversalis Ossefoproc!“. Immense Kraft und Geschicklichkeit,  durchdrangen mich. Gerade als wir die Hände wegnehmen wollten, sprach Rohezal erneut: „Reversalis Murabmubmulp!“ und ich merkte, wie auch meine Angriffskraft stieg! Mit nur zwei Sprüchen hatte der alte Erzmagus unser aller Kampfkraft immens verbessert!

Thallian schwang seinen Zweihänder so begeistert über unseren Köpfen, dass ich mich ducken musste: „Herrin hilf!“. Was er damit bewirkt hatte fand ich erst später heraus, als die Beine von Dämonen zu rauchen anfingen, sobald sie den von ihm gesegneten Bereich betraten.

Als der Gardianum zusammenbrach, war ich durch etliche Kampfzauber gestärkt. Der Boden bebte unter meinen Schritten, der Stab in meiner Linken kam mir wie eine Schreibfeder vor, der Khunchomer wie ein Zollstock. Etwas berauscht von soviel Kraft drängte ich mich vor: „Gebt mir den ersten!“ brüllte ich. Und der vorderste Dämon wurde unter einem Säbelhieb in den Boden gegraben. Das „Stirb, Chaoskreatur!“ des Schwertgeistes klang nicht wirklich überzeugend, aber der Tsa-gefällige Geist gab sich wenigstens Mühe.

Drei Dämonen reihten sich um Thallian auf, nahmen sich bei den Armen und tanzten um ihn herum: „Wir töten Dich... Wir töten Dich... Trallala... Wir töten Dich!“

Dann deutete Rohezal auf Firunja, Wolfhagsson, Salix und mich und rief „Gardianum Contra Daemonis!“
Jeder von uns erhielt einen persönlichen Gardianum-Schild der auch gegen Dämonenhiebe eine Weile Wirkung zeigen würde.

Dann nahmen sich DeLinth und Rohezal, geschützt durch Thallians Segen, bei den Händen und wirkten einen Unitatio. Gleich darauf erschien in der Luft über DeLinth das illusionäre Pentagramm des Bannrings.

Ein Dämon der sich an mir vorbei schleichen wollte, bekam meine Waffen zu spüren. Die Hiebe die ich einsteckte, prallten am Gardianum ab!

Aus einem Gewirr von Dämonen auftauchend, blickte der Drache zu Wolfhagsson: „Eiseskälte!“ hörte ich seine Stimme in unseren Gedanken. Irgendwo erhob sich unser Gefährte und schüttelte wild Schmerz und Wunden ab.

Thallian wurde von einer Übermacht bedrängt. Da bekam er höchst überraschende Hilfe: Eine der Harpyien fiel dem Dämon in den Rücken. Ob der Dämon oder Thallian sie dafür getötet hatte, bekam ich, mit eigenen Gegnern beschäftigt, nicht mit. Als ich das nächste Mal in seine Richtung sah, steckte die Echse sich gerade das Herz der Harpyie in den Mund. Ich schüttelte mich innerlich. Chimärenwesen zu essen konnte nicht gesund sein. Ich würde Thallian beobachten müssen, ob er plötzlich seltsame Prophezeiungen von sich geben würde…

Weiter tobte die Schlacht, doch ich konnte sehen, wie einer der Dämonen nach dem anderen von unseren Klingen vernichtet wurde, bis schließlich nur noch einer übrig war.

Dieser wurde von DeLinths und Rohezals Pentagramma in den Limbus gesaugt. Dann gleich darauf setzte DeLinth zu einem mächtigen "Limbus Versiegeln" an. Borbarad bemerkte ihn jedoch sofort. Um mich herum schien das Schlachtfeld zu erstarren. Nur Borbarad bewegte sich noch. Um ihn herum funkelte die Luft voller temporaler Magie. Er musste einen Tempus Stasis gewirkt haben. Doch warum konnte ich ihn noch sehen? Ich erinnerte mich, wie er mich während meines eigenen Tempus Stasis im Fürstenpalast auf Maraskan interessiert beobachtet hatte, während für alle anderen die Zeit still stand. Das Almadine Auge durchdrang SEINE Manipulationen der Zeit ebenso wie ER es mit meinen vermochte.

Ich konnte beobachten, wie er wiederum einen Planastrale wirkte und vor der Öffnung noch einen Moment stehen blieb. Wieder hörte ich seine Stimme verführerisch in meinem Kopf:

„Komm zu mir! Stell Dich hinter mich! Folge mir – oder stoße mir einen Dolch in den Rücken! Was immer es ist was Du willst, Du kannst es nur tun, wenn Du an meiner Seite bist!
Ich trage die Siebenstrahlige Dämonenkrone! Es gibt keine größere Macht als diese!

Unterwirf Dich mir und werde mein Statthalter, oder vergehe zu Staub!

Du hast verstanden, also handle auch danach!“

An seine Seite treten und ihm im richtigen Moment in den Rücken fallen? So wie Answin Ilsur es damals in der Gor mit uns getan hatte? Einen Moment lang war ich in Versuchung. Doch wie lange würde ich seinen Beeinflussungen widerstehen? Wie lange würde ich meinen Gefährten treu bleiben wenn ich seinen dauernden Einflüsterungen ausgesetzt war? Wie lange würde ich dem Rausch der Macht widerstehen können? Ablehnend schleuderte ich ihm meine Antwort entgegen: „Niemals!“

Wortlos drehte ER sich um und trat in den Limbus ein. Doch diesmal war etwas anders. Diesmal konnte ich beim Übergang zwischen den Welten, beim Schritt zwischen den Zeiten, seine Astralmatrix erkennen. DAS hatte ihm die Vernichtung seines Bruders eingebracht! DAS hatten ihm das Anathema der Götter angetan! DAS hatten wir getan, als wir ihm vor Arras de Mott die Grenzenlose Macht verwehrten!

ER war ein Magier. Mächtig, doch nur noch mit der Macht eines Sterblichen versehen! Ein Magier. Nichts weiter. Ausgestoßen aus Alveran. Verwünscht von den Menschen. Gehasst selbst von seinen Untergebenen.

Jetzt konnten wir ihn besiegen. Jetzt konnten wir ihn vernichten! Bei unserer nächsten Begegnung würden ihm seine Dämonenknechte nichts mehr nützen. Ich war mir sicher, mit der Verbannung seines Bruders hatte ER SEINEN bisher größten Fehler begangen!

Als die Zeit wieder ihren gewöhnlichen Verlauf nahm, sackten wir alle erschöpft ins Gras, jeder wo er gerade stand. Die Anspannung fiel schlagartig von mir ab. Wir hatten Borbarads Dämonengarde vernichtet und Borbarad hatte seine göttliche Macht im Kampf mit seinem Bruder eingebüßt!

Da sah ich eine der lästigen Vogelfrauen zerfetzt auf der Wiese liegen. Ein Arm und ihre Beine waren abgerissen, ihre Flügel standen grotesk ab. Sie wimmerte und zuckte noch einige Male krampfhaft mit dem verbliebenen Arm, dann lag sie still. Sie hatten uns genervt und provoziert wann immer wir auf sie trafen. Nun hatten sie uns gegen Borbarad beigestanden. Ein starkes Gefühl von Trauer und Mitleid übermannte mich. Ob sie dieses Ende verdient hatten? Mir war fast, als ob ich sie vermissen würde.
Waren das wirklich meine Gedanken? Nein! Sie kamen von meinem Khunchomer, den ich noch immer umklammert hielt! Fast hatte ich den Eindruck, dass der friedliebende Geist der Waffe um jeden trauerte, der gestorben war, sei es gar eine vermaledeite Chimäre!
Nachdenklich wischte ich ihn ab und steckte ihn weg. Oas’al’Bastra hatte schon irgendwie recht. Gut, die Harpyien hatten genervt, aber so ein Ende hatten sie wirklich nicht verdient. Aber wenigstens waren wir nun ihre nervtötenden Orakelsprüche los!

Rohezals Tochter Roana steckte, immer noch versteinert, mit Kopf und Arm schräg im Boden auf der Wiese. Immer noch roch es nach Schwefel und dämonischen Ausdünstungen, nach Blut, Schweiß und Metall. Mir würde fast übel.

Nun erst wurde mir das ganze Ausmaß dieser Schlacht bewusst. Wieder einmal waren wir nur knapp den Horden des Dämonenmeisters entronnen. Waren die Dämonen doch offensichtlich gegen magische Waffen und Flammen gewappnet gewesen. Einzig die geweihten Waffen, die uns überreicht worden waren und die wohlüberlegten Zauber Rohezals, die unser aller Kampfkraft immens gesteigert hatten, hatten uns vor Schlimmerem bewahrt. Damit hatte ER wohl nicht gerechnet. Und wieder hatte IHN die Welt überrascht. Wie sie es schon so oft getan hatte, wenn man Rohal glauben konnte.

Ich blickte mich keuchend um und nahm alles wie in Zeitlupe wahr: Thallian, zum Leviathan verwandelt, brüllte laut: „RONDRA  FÜNF – XARFAI NULL!!!“, dann kippte er bewusstlos um.
Nach und nach spürte ich wie die Wirkung Rohezals und meiner Zauber nachließ und meine Kräfte auf ein normales Maß schrumpften. – Und so ging es wohl auch meinen Gefährten, denn ich sah Wolfhagsson zur Hälfte in einen Wolf verwandelt, von Wunden übersäht, bewusstlos daliegen. Salix und Firunja waren eher leicht verletzt und holten mühsam Atem. Rohezal hatte eine schwere Brustwunde davongetragen und stand keuchend auf seinen Stab gestützt neben Armant. Einzig Armant schien unverletzt. Ob ihn die stählerne Stirn gerettet hatte? Dann fiel mir ein, dass er und Rohezal sich in den Schutzkreis zurückgezogen hatten, den Thallian mit seinem geweihten Zweihänder beschrieben hatte.
Während Rohezal tränenüberströmt in die Knie brach und weinend wie ein Kind das Gesicht in seinen Händen barg, stand Armant völlig reglos und unbewegt. Was mochte wohl in ihm vorgehen? Woran dachte er? Was geschah in seinem Kopf, nun da er die Rohalshaube trug?

Der junge Kaiserdrache Faldegorn lag mit rasselndem Atem in einer riesigen Blutlache. Sein riesiger Leib schüttelte sich unter jedem neuen Atemzug. Ohne fremde Hilfe würde er sicherlich jämmerlich krepieren. Ich wäre nicht böse drum. Eine verdammte Echse weniger und er würde weder meinen Nachkommen kriegen, noch mein Gold!

Mühsam stemmte ich mich hoch. In mir mischten sich die Freude, Borbarad erneut besiegt zu haben, mit dem Verlust Rohals, der sich geopfert hatte, damit wir zu einem späteren Zeitpunkt über seinen verwünschten Bruder triumphieren würden.
„Borbarad wird fallen.“, hatte er uns versprochen. Dieses Versprechen gab mir neue Hoffung. Vorsichtig berührte ich die wertvolle Schriftrolle, die er mir überreicht hatte. Mein Andenken an ihn.

Überall auf der Bergwiese waren blaue Dämonenkrallen aufgegangen, eine widerliche Blume, die sonst nur während der Namenlosen Tage blüht. Ein Eisiger Bergwind fuhr über uns hinweg und ließ mich frösteln. Gespensterkrähen und Marboschwalben kreischten unentwegt über uns und die Sonne versank blutrot inmitten schwarzen Wolken. Mehrere meiner Artefakte waren grau angelaufen, zahlreiche meiner Edelsteine hatten sich getrübt. Wieder einmal bleibende Andenken an den „Schwarzen Borbarad“, wie er von den Zwergen genannt wird.

Während Salix und ich die Umgebung absicherten, kümmerten Firunja und Armant sich um unsere Wunden und heilten die Verletzten. Firunja rief ihre Göttin an und sprach auf uns alle den gewohnten Heilsegen, der jedoch bei Wolfhagsson nicht mehr anschlug.
Hatte er wirklich den Göttern abgeschworen? Wie war es ihm gelungen mit bloßen Krallen mindestens zwei der Dämonen zu vernichten? Armant schritt zu Wolfhagsson und heilte ihn mit einem Balsam. Dass er noch Zauberkräfte übrig hatte?

Gerade überlegte ich, was ich alles mit dem Karfunkel des widerlichen Drachen und seinen Schuppen anstellen könnte, da schritt Armant würdevoll zu diesem unsäglichen Drachen!
Wollte er dem Vieh den Gnadenstoß geben? Wenig genug hatte uns die ungestüme Flugechse genutzt. Doch bevor ich protestieren konnte, legte ihm mein Freund, dümmlich, selig lächelnd, die Hände auf und begann den verwünschten Wurm zu retten! Ch’Allabad! Dieser Balsam, mein dracophiler Freund, kostet mich einen Nachfahren und Dich 4000 Dukaten!


 
23. – 25. Ingerimm 1020 BF

Wir blieben einige Tage bei Rohezal und seiner Tochter, der Tsa-sei-Dank nichts weiter geschehen war, außer dass sie unvorstellbare Ängste ausgestanden hatte und erholten uns soweit als möglich.

Von Rohezal erfuhren wir den Namen dieser Dämonen: Etavired-Mitnaz. Es handelte sich wohl um 3-gehörnte „Groß-Zantim“, die Borbarad selbst erfunden und erschaffen hatte. Woher Rohezal dies wusste, wollte er uns aber trotz allem nicht verraten.

Rohezal zeigte mir und Armant, wie man den Gardianum auf dämonische Energien justieren konnte. Dies würde uns zukünftig extrem hilfreich sein.


26. Ingerimm 1020 BF

Rohezal rief einige Luft-Djinne herbei, da sein cholerischer Schoßdrache noch viel zu schwach war um uns wieder nach Punin zurück zu bringen. Seine Tochter war geheilt, der Garten repariert, die Harpyien begraben. Unsere körperlichen Wunden waren geheilt, unsere Kräfte regeneriert. Nun galt es die traurige Kunde von Rohals Erscheinen und seiner Verbannung nach Punin zu tragen und den endgültigen Plan zu Borbarads Vernichtung zu finden.

Seine Schwäche wurde mir enthüllt, als er durch die Zeiten trat. Dies kann nur ein Wink von Satinav sein, den er um 500 Jahre bestohlen hat. Und den er mit seinem Zeitfrevel während des Krieges der Magier sicher nicht erfreut hat.

„Findet Borbarads Zeit“ hatte uns der weise Rohal geraten. Wir werden sie finden. Und Satinav wird sie zurück erhalten. Und dann werden wir noch mal darüber verhandeln, ob mir nicht ein kleiner Finderlohn zusteht!