Aus dem Tagebuch des Magiers Torben ibn Abdul, des Ersten Gezeichneten:


18. Ing. 1020 BF
Auf dem Weg zu unserer Gerichtsverhandlung konnten wir beobachten wie Eisenkober auch dem guten Tarlisin von Borbra eine Klageschrift überreichte. Grundsätzlich finde ich seinen Eifer bei der Bekämpfung von Schwarzmagie, Borbaradianismus und ähnlichem höchst lobenswert, aber er trifft momentan immer die Falschen. Liegt vielleicht daran, dass sich die echten Bösewichte mehr Mühe geben ihre Taten zu verschleiern. Vielleicht werde ich nach der Verhandlung vernünftig mit ihm reden können.

Und wenn alle Verhandlungen für ihn negativ ausfallen, kann ich ihn, falls er nicht vernünftig wird und zur Abwechslung mal ein paar Schuldige anklagt, immer noch als Saboteur und Borbaradpaktierer anklagen. Vielleicht könnte Salix mal heimlich seine Räumlichkeiten durchsuchen… Aber nein. Die sind in der Akademie, da würde nicht mal Salix sich trauen einfach einzubrechen. Außerdem ist er grade sowieso laufend mit irgendwas beschäftigt. Dauernd am Rumkritzeln in seinem Notizbuch. Und morgens sieht er aus als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hat. Wo wir bei Salix sind… irgendwas wollte er gestern von mir… Kann mich gar nicht erinnern worum es ging, war wohl zu sehr mit der Vorbereitung meines Vortrages beschäftigt. War wohl nicht so wichtig, sonst hätte er sich bestimmt noch mal gemeldet.

Die Gerichtsverhandlung nahm den erwarteten Lauf. Eisenkober erhob Anklagepunkt auf Anklagepunkt und wir zerpflückten seine Argumente. Dass er gleich einen Praiosgeweihten für einen Wahrheitsschwur herein bat ist sehr schade. Das wollte ich eigentlich vorschlagen. Immerhin BIN ich ja unschuldig und Eisenkobers Gesicht wäre sicher sehenswert gewesen.

Wegen dem Besitz verbotener Bücher hatte ich mir eigentlich keine Sorgen gemacht. War doch sehr erstaunt, dass wir für die Dinger tatsächlich eine Genehmigung der Gilde gebraucht hätten. Da wir unter erschwerten Bedingungen arbeiten mussten und diese problemlos bekommen hätten, ist das aber nur ein Formalfehler, für den man uns keine Strafe auferlegte. Dschelef wird nachher den Papierkram noch erledigen und Genehmigungen für mich, die Dozenten und unseren Bibliothekar besorgen. Rodrik zum Bibliothekar zu ernennen war eine gute Idee. „Zugang zu den Büchern hat nur die Akademieleitung und der Bibliothekar“ klang deutlich besser als „… und ein ehemaliger Eleve der so lange genervt hat, bis wir ihn alles zu lesen erlaubten was er wollte“. Fragen zu Rodrik’s Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit unter Praiosbann wären interessant geworden.

Den Blödsinn mit der dämonischen Besessenheit konnte ich mit dem Attest der Spektabilität Olorand von Gareth-Rothenfels aus Perricum abschmettern. Dazu die Analyseberichte des „Arbeitskreis Almadines Auge“. Da waren auch genügend Weißmagier dabei. Eigentlich peinlich, dass Eisenkober sich das nicht vorher besorgt hat.
DeLinth „Illegale temporale Manipulationen“ vorzuwerfen ging ganz in die Hose. Eisenkober konnte selber nicht spezifizieren, welche „illegalen Zauber“ DeLinth verwendet haben soll. Er stellte den Anklagepunkt zurück und ließ ihn dann in Vergessenheit verschwinden.

Der Zeuge für „Dämonenbeschwörung und Blutmagie“ überraschte mich. Es war Praiogard! Eigentlich hätten wir darauf kommen können. Als Praiosgeweihte hatte sie gar keine andere Wahl als bei solchen Vorkommnissen Anklage zu erheben.

Wir konnten schlüssig nachweisen, dass zumindest nach unserem Wissenstand die beiden Wölfe, um die es ging, keine Dämonen gewesen sein konnten. Eisenkober selbst bestätigte mir, dass selbst Borbarad das erhebende Gefühl der Anwesenheit eines Alveraniers auch mit seinen besten Illusionen nicht duplizieren könnte. Keiner war sonderlich mit dem Ergebnis, dass wir ein Kind hatten übergeben müssen zufrieden, aber man glaubte uns, dass wir keine Wahl gehabt hatten. Und die von Praiogard selbst bestätigten Dialoge ließen klar erkennen, dass wir nur den Anweisungen einer alveranischen Macht gefolgt waren. Dafür konnte man uns dann schlecht verurteilen. Also ließ man auch diesen Anklagepunkt fallen.

„Kritisches Hämmern an die Mauern Deres und Alverans“. Also das war wirklich eine Frechheit! Als ob ich fahrlässig und vorsätzlich die Existenz der sphärischen Grenzen riskiert und gewissenlos einen unkontrollierten Limbusdurchbruch riskiert hätte. Nachdem ich meine Berechnungen und Sicherheitsvorkehrungen erläutert hatte und der anerkannt beste Magie-Theoretiker Deres Erzmagus Robak von Punin meine Gleichungen bestätigte, immerhin hatte er sie bereits vor der Durchführung des Rituals 2 oder 3 Mal gegen gerechnet und bestätigt, konnten wir auch das abhaken.

Kritisch wurde es dann beim letzten Anklagepunkt. „Verwendung der Methodes Sanguinis“, also der Blutmagie. Ich konnte als Leiter und Planer des Rituals unter dem Lichte des Praios wahrheitsgemäß und mit gutem Gewissen aussagen, dass ich die Anwendung von Blutmagie in keiner Phase der Planung vorgesehen oder geplant hatte. Wir manövrierten uns dann auch ganz gut durch die weitere Befragung und das Gericht stellte fest, dass ich selbst keine Wahl gehabt hatte. In dem Moment, als die Lebenskraft der Opfer in das Ritual geleitet wurde, hatte ich keine andere Wahl gehabt als sie auch zu verwenden. Die Opfer waren freiwillig, die Anordnung Blutmagie anzuwenden kam, zumindest nach unserem subjektiven Wissensstand von einem Alveranier.

Dann kam dieser Kleingeist Eisenkober mit genau der falschen Frage auf DeLinth zu: „Habt Ihr blutmagische Praktiken angewendet?“
Hier musste DeLinth dann bejahen. Was er genau gemacht hat, weiß ich immer noch nicht. Erst jetzt wurde mir klar, dass er mich genau dadurch beschützen wollte. Ich konnte die ganze Zeit wahrheitsgemäß fast alle Fragen verneinen. Nur musste er wohl im Auftrag von Jarlak irgendwie die Verbindung zwischen den Opfern und dem Ritual hergestellt haben. Und er gab auf weitere Fragen hin auch zu, Kenntnis der Techniken zur Anwendung von Blutmagie zu besitzen. Ich war nicht gerade schockiert, aber doch etwas überrascht. Hier war mein guter Freund wohl etwas zu tief in das Studium der Techniken unserer Feinde eingedrungen.
Eisenkobers Grinsen war geradezu hämisch, wenn nicht bösartig. Sollte er nun am Ende doch noch triumphieren?

Die Magier zogen sich zur Beratung zurück. Ich wurde nun schon etwas unruhig. Für die Anwendung von Blutmagie gibt es eigentlich nur eine Strafe: „Den Feuertod“!
An Flucht war nicht zu denken, dafür hatte Eisenkober gut vorgesorgt. Außer ihm und seinen Rohalswächtern waren noch einige Antimagier versammelt. Und natürlich hatte man einen Limbus versiegeln und vermutlich noch weitere Schutzzauber auf den Raum gesprochen.

Als die Richter in den Saal zurückkamen, spielte ich kurz mit dem Gedanken nach einem Desintegratus auf die Wand nach draußen zu springen. Aber dann entspannte ich mich wieder. DeLinth und ich hatten das Reich seit Jahren verteidigt. Man würde wohl kaum einen von uns auf den Scheiterhaufen werfen... Ein Blick in Eisenkobers Augen ließ mich allerdings dann doch wieder zweifeln.

Zu meiner Beruhigung sprach man mich und DeLinth von den ersten Anklagepunkten frei. Teilweise war das Urteil der Richter nicht einstimmig, aber es reichte immer für eine Mehrheit. Dann wurde ich auch von dem Anklagepunkt der Anwendung von Blutmagie frei gesprochen. Ich holte schon aus um meinem langjährigen Gefährten erleichtert auf die Schulter zu klopfen, da fielen die Worte: „Spektabilität Armant DeLinth, schuldig!“

Dann wurde ihm auch gleich das Strafmaß eröffnet. Man erkannte auf „Mildernde Umstände“ und verzichtete auf die Höchststrafe. Dann hagelte es:

Disliberatio, der Ausschluss von der Nutzung der Gildenbibliotheken, Labore und Werkstätten. Als die Mildeste aller Strafen war die eigentlich immer dabei. Konnte mir auch vorstellen, dass dies für viele Magier die nicht über derart umfangreiche eigene Arbeitsmittel verfügten wie wir sehr hart sein konnte.

Dann ging es jedoch weiter: Disvocatio, die Annullierung aller bestehender Titel und Entzug der Lehrerlaubnis. Wenn DeLinth nicht schon geplant hätte, mich als Spektabilität einzusetzen, hätte ihn das sicher geärgert. Ich rechnete dann eigentlich damit, dass man jetzt fertig sein würde. Aber Prischya von Garlischgrötz fuhr ungerührt weiter fort:

Expurgico. Ausschluss aus der Grauen Gilde! Man würde sein Siegel entfernen! Ich war sprachlos. Damit  war er gildenlos! Ein rechtloser Magier. Auf gleicher Ebene wie ein Scharlatan, ein Wiesendruide oder ein Hexer! Das konnten sie ihm doch nicht antun!
Selbst er war einen Moment lang wie erstarrt. Nun, zumindest ebenso erstarrt und ausdruckslos wie immer.

Am Schlimmsten erschien mir das aktuellste Problem: Damit konnte er nicht weiter am Gildenkonvent teilnehmen.

Ich würde hier alleine unter Magiern sein! Thallian hing mehr beim Geweihtenkonvent rum und Firunja war dauernd beschäftigt Streitereien zu schlichten und auch mehr am Geweihtenkongress interessiert. Salix... Keine Ahnung was der dauernd treibt, aber um eventuelle Magierintrigen aufzudecken nutzte der mir augenblicklich gar nichts. Ich würde hier völlig allein unter lauter Magiern sein von denen etliche sich offen für Borbarad ausgesprochen hatten. Gar nicht ab zu schätzen, wie viele Spione und unerkannte Sympathisanten er noch hier hatte. Und wenn man Eisenkober nicht gleich als Borbaradianer verdächtigt, hatte er bisher noch nicht zugeschlagen. Das dicke Ende würde also erst noch kommen.

Doch dies war immer noch nicht alles! Ich konnte nicht sagen, ob Eisenkober entzückt oder enttäuscht war, aber mit vor unverhohlener Freude triefender Stimme beantragte er die sofortige Rücknahme des Gilden-Dispens für Ingra-Tar’Shann, Armant’s Endurium-Rapier, das ihm erst vor wenigen Tagen verliehen worden war.
Nach diesen Worten bildete ich mir ein, dass Armants Gesicht, doch ein klitzeklein wenig bleicher geworden war. Sogleich erhob sich die Convocata Secunda der Weißen Gilde Racalla von Horsen-Rabenmund, die dem Gildentribunal als Zuschauerin beigewohnt hatte und stimmte dafür. Auch Prishya von Garlischgrötz zu Grangor, Convocada Prima der Grauen Gilde stimmte nach kurzem Nachdenken dafür.
Nun ruhten alle Augen auf Salpikon Savertin, den Convocatus Primus der Schwarzen Gilde, der ebenfalls als Zuschauer dem Tribunal bisher mit unbewegter Miene gefolgt war. Er ließ sich sichtlich Zeit, fast als genösse er die Aufmerksamkeit aller Anwesenden und sprach dann seelenruhig nur ein Wort: „Dagegen.“

Eisenkober sog hörbar unwirsch die Luft ein und rauschte, dicht gefolgt von Praiogard, mit hochrotem Schädel aus dem Raum. Fast hätte er ein klein wenig Ähnlichkeit mit Galotta gehabt, nur der weiße Haarkranz störte das Bild.
Armants Mine verriet, wie üblich, nicht was in ihm vorging, aber ich bildete mir ein, dass sich sein Körper doch unmerklich entspannte nach Salpikons Worten.
Dann stand der Convocatus Primus mit einer eleganten Bewegung auf und schritt auf Armant zu: Lächelnd streckte er ihm die Rechte entgegen: „Nun, da das hier offiziell erledigt ist, solltest Du dringend darüber nachdenken, der Bruderschaft der Wissenden beizutreten. Die Schwarze Gilde würde Dich mit offenen Armen aufnehmen. Du solltest Dir nur nicht zuviel Zeit lassen, damit du nichts vom Konvent verpasst.“
Natürlich! Ich vergaß immer wieder, dass Savertin ja nebenbei auch noch Oberhaupt der Schwarzen Gilde ist! Damit wäre das erledigt. Nun, damit konnte er nachher gleich mal mit Karjunon Silberbraue anstoßen. Der hatte ja fast den gleichen Gildenwechsel hinter sich.

Meine Versuche doch noch mit Eisenkober oder Praiogard zu sprechen schlugen gänzlich fehl, denn beide waren schon im Gedränge verschwunden und vor lauter neugierigen Magiern und Magierinnen, war an ein schnelles Durchkommen nicht zu denken. Sie alle wollten wissen, wie es ausgegangen war. Fast glaubte ich, dass der gesamte Konvent sich in den Flur vor dem Verhandlungszimmer drängte.

Natürlich wollte ich mit Prischya gleich noch die Nachfolge von DeLinth als Spektabilität klären, aber sie eröffnete mir, dass dies erst noch in einer weiteren Ratssitzung geklärt werden würde. Bis auf weiteres würde ich die Aufgaben kommissarisch leiten dürfen bis ein offizieller Nachfolger bestimmt wurde.