Aus den geheimen Tagebüchern des Adepten Rodrik
Bannwäldner
29. Travia 1020 BF
Heute Morgen hat mich der Alte überraschend in sein
Büro zitiert. Als ich sah, dass sein Vollstrecker Wolfhagsson
ebenfalls anwesend war, wusste ich gleich, dass das kein normales
Gespräch wird. In den letzten Tagen habe ich den Alten
öfter in der Bibliothek und auch in der Nähe meines
Schreibtisches gesehen. Er muss irgendwas von meinen Forschungen
mitbekommen haben.
Er fragte mich auch gleich offen bezüglich meiner Studien aus.
Vor allem erwähnte er Randnotizen im Arcanum in dem Kapitel
über Blutmagie. Ich versuchte mich zwar heraus zu reden, aber
es war klar, dass er mich erwischt hatte. Erst hinterher fiel mir ein,
dass ich noch nie Notizen in ein Buch geschrieben habe. Das kommt doch
alles in meine geheimen Arbeitshefte. Reingelegt wie ein
Anfänger...
Auch zu meiner Kenntnis des Pentagramma befragte er mich
ausführlich und hier gab ich dann auch offen zu, dass ich den
einen oder anderen Dämon bereits beschworen hatte, um die
Bannformel in der Praxis zu testen. Trotz seines strikten Verbotes.
Hier ergab ich mich innerlich bereits meinem Schicksal. Ich war der
festen Überzeugung, dass er jetzt den Werwolf auf mich hetzen
würde. Aber das tat er gar nicht! Er forderte mich auf einen
sogenannten „Bluteid“ zu leisten und
vollführte ein wirres Ritual bei dem ich einen Tropfen Blut in
ein mystisch angehauchtes Gefäß tropfen lassen
musste. Ich tat mal so, als ob mich das schwer beeindrucken
würde. Er ließ mich schwören weiter
für die Akademie zu kämpfen und deren Wohlergehen im
Kopf zu behalten. Bla bla bla... Als ob ich bei der nächsten
Gelegenheit überlaufen würde. Wenn ich das wollte,
wäre ich schon längst mit der halben Bibliothek auf
und davon.
Was dann kam überraschte mich wirklich: „Du kannst
also Blutmagie? Gut. Zeig mir wie das geht!“
Ich dachte ich falle in Ohnmacht! Und dann erklärte er mir,
dass Rotauges Ritual weit mehr Energie brauchen wird, als wir jemals
werden aufbringen können. Der monatelange Abwehrkampf hat die
Vorräte an Zaubertränken fast völlig
aufgebraucht. Und wenn unsere Gegner nicht eine überraschende
Winterfrische einlegen, werden wir etliches an Energie verbrauchen um
die ganzen Stelen zu verteidigen. Und hier kam nach DeLinths Plan
Blutmagie ins Spiel. Wir würden so viele Gegner wie
nötig gefangen nehmen und dann opfern.
Er schlug auch vor bei den Druiden unauffällig anzufragen, ob
jemand davon uns helfen könnte. Hier konnte ich gleich
behilflich sein. Immerhin hatten sich uns nicht gerade die
Häschen- und Blümchendruiden angeschlossen. Um sich
für die Vernichtung ihrer Insel und den Tod ihrer Freunde zu
rächen würden sie einiges tun. Mit Belmartan und
Samhain hatte ich schon einige interessante Feinheiten zu Tieropfern
ausgetauscht. Schade nur, dass es keine nennenswerten Mengen an Tieren
mehr gab. Mein eigener Plan war ja gewesen die Pferde im Stall alle
heimlich abzuschlachten und die Energie ins Ritual zu leiten. Besser
hinterher entschuldigen als vorher um Erlaubnis fragen wie ich immer
sage. Dann hätte ich nur noch Thallian ein paar Jahre aus dem
Weg gehen müssen.
Als Wolfhagsson mit mir besprechen wollte, wie wir am besten Gefangene
machen konnten, hatte ich eine bessere Idee. Ich schlug vor den
Steinkreis im Südosten der Akademie mit einem der Kreissteine
in das Ritual einzubinden. Dann würden wir aus einem von
Wolfhagssons Schwertern einen Fokus machen, der wiederum mit dem
Steinkreis verbunden war. Die Lebenskraft jedes Gegners den er
tötete, würden wir dann über die am
nächsten an dem Steinkreis stehende Stele in das Ritual
fließen lassen. Nun hatte ich einen kleinen Triumph, als die
erwartete Frage von DeLinth kam: „Was für ein
Steinkreis?“
Ich beschreib ihm den kleinen Steinkreis der gut getarnt eine knappe
Meile von der Akademie im Wald versteckt lag. Ich hatte zwei der
Druiden überreden können mich zu ihren Treffen die
sie dort immer abhielten mit zu nehmen. Der Alte schaltete wieder auf
sein unerschütterliches Gesicht, das er immer anlegt wenn er
kurz davor ist auszurasten. Danach besprachen wir noch die Einzelheiten.
9. Tsa 1020 BF
In tiefster Nacht schlichen die beiden Druiden und ich uns mit einem
Begleitschutz der zehn loyalsten und dümmsten
Elitesöldnern zum Steinkreis. Dort vergruben wir den
Kreisstein unter dem Altar und vollführten unser kleines
Ritual. Jeder von ihnen pflanzte noch eine kleine Eichel in der wohl
jeweils ein Humus-Djinn als Wächter gebannt war. Dann
hieß es nur noch warten.
10. Tsa 1020 BF
0:00 Uhr nachts
Das Ritual von Rotauge begann. Doch wir konnten sehr lange Zeit nichts
feststellen.
4:00 Uhr morgens
Ich konnte spüren wie unsere Verbindung mit der Stele aktiv
wurde. Noch gab es keine sichtbaren Effekte.
05:00 Uhr morgens
Die Kraftlinien zwischen den Stelen und der Akademie bauten sich auf.
Von den Bäumen oben konnte der Druide Belmartan
Aktivität in den feindlichen Lagern erkennen. Offenbar hatte
man dort bemerkt, dass irgendetwas los war.
6:00 Uhr morgens
Belmartan konnte den Teppich von der Akademie starten sehen. Er konnte
nicht sagen wo er hinflog, dafür flog er zu schnell und zu
niedrig. Wenn das Einsatzteam ausrückte, konnte das nur
bedeuten, dass irgendwo etwas schief gegangen war. Und das jetzt schon.
Wir hatten mit mehr Zeit gerechnet bis unsere Feinde überhaupt
merkten dass etwas los war.
7:00 Uhr morgens
Unser Druide auf dem Baum berichtete, dass sich nun Patrouillen aus den
Lagern entfernten.
Xarfaidon war über Stele Nummer drei kurz mit seinem Karakil
sichtbar. Außerdem zwei Irrhalken. Belmartan meinte er
hätte einen Moment lang gedacht der fette Tulamide
wäre vom Teppich gefallen, aber gleich darauf war er wieder
auf dem Teppich zu sehen. Seltsam. Nach kurzem Kampf zog sich das
Einsatzteam schnell nach Norden zurück. Eine leichte Rauchspur
hinter sich herziehend und verfolgt von einem Schwarm Kugelblitzen.
Das ferne Echo von Todesschreien hallte durch meinen Geist. Macht
flutete durch Wolfhagssons Schwertfokus. Ich leitete sie weiter in das
Ritual. Aber dann hörte der Fluss auch schon wieder auf. Zu
wenig. Viel zu wenig.
Kurz darauf trickelte ein weiteres Quentchen Energie herein. Insgesamt
immer noch nicht der Rede wert.
Im Wald südöstlich von uns waren in der Ferne
dämonische Schreie und Kampflärm zu hören.
Außerdem ein Wutschrei der mir das Blut in den Adern
gefrieren lies. Das kannte ich nur aus Beschreibungen von Rotauge.
Trotzdem unverkennbar. Der Glatzkopf hatte die Macht des Leviatanim
gerufen. Dass Rondra nichts dagegen zu haben scheint, dass er die Macht
des alten echsischen Kriegsgottes Kr’Thon’Chh in
sich aufnimmt macht sie mir richtig sympathisch. Ich glaube die
Götter werden einfach verkannt. Die sind bestimmt lange nicht
so kleinlich wie ihre Geweihten immer glauben.
8:00 Uhr
Nur wenig nördlich von unserem Steinkreis kam es zu
größeren Kämpfen. Thallian, Wolfhagsson und
ein kümmerlicher Haufen von Soldaten gegen borbaradianische
Truppen, mindestens drei Kharmanti und ein paar Thalone die vom
Waldrand aus kaum erkennbar waren. Thallian war immer noch in
Echsenform und stellte sich den Dämonen. Dann kam der Teppich
herangeflogen, darauf war unter anderem Magister Aleya Ambareth. Der
fegte die Thalone mit einem Pentagramma hinfort. Meisterlich. Einfach
Meisterlich. Leider zerschredderte Thallian die restlichen
Dämonen mit seinem Schwert bevor ich ein weiteres Beispiel
eines derart perfekten Pentagramma sehen durfte.
9:35 Uhr
Eine kleine Patrouille mit einem Magier näherte sich unserer
Position. Unsere Schutztruppe verbarg sich in einem Gebüsch
über das die Druiden etwas Blütenstaub oder
ähnliches streuten. Selbst ich konnte sie danach kaum noch
sehen.
Die Patrouille spazierte vorsichtig in den Ritualkreis. Als sie nicht
auf Gegenwehr stießen, nahmen die Söldner
Wachpositionen ein, während der Magier sich über den
Steinaltar beugte um diesen zu untersuchen. Mein Blasrohr mit dem
Schlafgift schaltete ihn aus bevor er überhaupt wusste was los
war. Dann stürzten sich die Humus-Djinne und unsere
Elitesoldaten auf die völlig überraschten
Söldner.
Der Magier wurde gefesselt, unsere Soldaten und die Druiden begaben
sich außer Sichtweite. Dann weckte ich ihn freundlich mit
einer heftigen Ohrfeige. Er gab mir seinen Namen und dass er als Magier
für die Armee des Dämonenmeisters arbeitete.
Ich fragte ihn listig nach dem Untergang von Sumus Kate und den
Dämonenbeschwörungen dort. Nach ein wenig Fachsimpeln
erzählte er mir stolz von seiner Mithilfe bei der
Beschwörung des Arjunoor. Eine Tat von nicht geringer
Schwierigkeit, trotz all der Hilfsmittel und Foki die sie von ihrem
Meister Borbarad erhalten hatten. Ich nickte jedoch nur freundlich und
meinte: „Du gibst also zu bei dem Überfall auf Sumus
Kate dabei gewesen zu sein? Gut. Dann habe ich hier zwei Herrschaften
die sich mit dir unterhalten möchten.“
Als er die beiden Druiden sah, die nun hinzu traten, erbleichte er.
Was immer die Druiden Rotauge auch für Geschichten
erzählen mögen, die Vertiefungen in den Altarsteinen
passen ausgezeichnet auch für Menschenopfer.
11:00 Uhr
Um die Akademie herum brach langsam die Hölle los.
Dämonen und Söldner stürmten und starben im
Feuer der Geschütze, die jedoch aufgrund feindlicher Luftmagie
erbärmlich wirkungslos war. Und dann konnten wir selbst aus
unserer abgelegenen Stellung erkennen, wie die elementaren Meister sich
gegen die Mauern der Akademie wandten. Der Burggraben trocknete aus und
Truppen stürmten durch die Bresche.
Ein wolfsartiger Dämon sprang gar über die Burgmauer
einfach hinüber. Sein Ziel war offensichtlich der Zentralturm.
Eine Weile zog sich die Schlacht fort. Thallian und die anderen
Außentrupps waren inzwischen an der Akademie zurück
und kämpften wie Rondra-Geweihte. Dann plötzlich
wendete sich das Blatt.
Aus allen Richtungen stürmten Wölfe aus dem Wald.
Selbst an unserem Steinkreis rannten ein paar einfach vorbei ohne uns
auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Das Blutbad unter den
feindlichen Truppen war entsetzlich. Sogar mir drehte sich fast der
Magen um.
Dann spürte ich plötzlich einen warmen Strom an
Energie. Blutmagie. Erst dachte ich, Wolfhagsson musste sich in die
Schlacht geworfen haben. Aber es wurde immer mehr. Viel zu viel um von
einem einzigen Schwert zu kommen. War der Irre in Mundbach eingefallen
und schlachtete die wehrlosen Bürger ab? Damit hatte ich
eigentlich gerechnet. Doch selbst dafür war es zuviel.
Mein Geist brannte, glühte. Ich fühlte die Macht. Ich
verfolgte sie zurück. Vom Ritual, zur Stele, zum Kreisstein,
zu mir, zum Schwertfokus von Wolfhagsson, weiter zu... den
Wölfen. Ich konnte sie im Astralum leuchten sehen. Was sie
töteten kam dem Ritual zugute.
Mehr und mehr Energie floss durch mich hindurch in das Ritual. Ich
konnte sie spüren, ich konnte sie schmecken. Ich
verfügte plötzlich über grenzenlose Macht.
Ich war ein Gott! Ich war... kurz davor wie ein Glimmspan zu
verglühen! Ich konzentrierte alle meine Fähigkeiten
und meinen ganzen Willen nur darauf die Blutmagie weiterzuleiten.
Bloß weg damit, damit sie mich nicht vernichtete.
Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Der Kampf hatte keine Bedeutung mehr.
Es gab nur noch mich und die Magie.
13:00 Uhr
Dann langsam versiegte der Strom. Ich sah mich um und erkannte, dass
die Schlacht zu Ende war. Nichts regte sich mehr auf dem Schlachtfeld,
außer den speisenden Wölfen.
Um mich herum begannen die Kraftlinien sichtbare Gestalt an zu nehmen.
Nun war alle Energie die wir gesammelt hatten im Netzwerk aus Kraft
gespeichert und strömte in den Ritualraum. Von wo es dann...
In letzter Sekunde erinnerte ich mich daran was nun folgen
würde. So schnell ich konnte trennte ich jede Verbindung
zwischen der Stele und dem Kreisstein und dann auch zwischen mir und
dem Stein. Hätte ich die Verbindung gehalten während
Rotauge das letzte Ritual vollzog... Wahrscheinlich hätte mein
Tod sogar noch den Steinkreis eingeschmolzen.
Der Himmel flackerte. Macht pulsierte sichtbar für alle durch
den Raum. Dann begann Sumu Leib plötzlich zu vibrieren und
immer stärker zu wackeln. Wir alle wurden von den Beinen
gerissen und auf dem Boden hin und hergeworfen. Dann gab es ein lautes,
reißendes Geräusch, so als ob jemand ein
großes Stück Stoff durchgerissen hatte und das Beben
hörte langsam auf.
Als wir uns wieder aufgerappelt hatten, sah fast alles auf den ersten
Blick so aus, als ob nichts geschehen wäre, wenn man von den
vielen Blättern und Nadeln auf dem Boden einmal absah.
Dann fiel unser Blick nach oben. Dort wo vorher ein strahlend blauer
Himmel und das Antlitz Praios zu sehen gewesen waren, existierte nur
noch das entfernte, graue Wabern des Limbus.
Erschöpft machten wir uns auf den Weg zurück zur
Akademie.