Reise-Erinnerungen des Ardo Askirson von Zolipantessa
11. Tsa, 1034 BF, abends
Als ich zurück ins Lager kam, war Shafir gerade dabei Fendal
mit einer wüsten, uncharakteristischen Schimpftirade
niederzuschreien. Offenbar hatte ihm Fendal eine lange, sargartige
Kiste fertigen sollen, in der er die Nacht verbringen wollte. Es war
offensichtlich, dass er noch eine heiße, schlaflose Nacht
nicht mehr verkraften würde. Es hatte sich schon die
übliche Schar neugieriger Gaffer gebildet, als Hesindian
fröhlich pfeifend aus dem Wald trat.
Er blickte sich um und erfasste die Situation in wenigen Augenblicken.
Zielstrebig ging er auf Shafir zu, legte ihm die Hand auf die Schulter
und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Shafir erstarrte
augenblicklich, nickte dann und bedeutete Hesindian, dass er voran
gehen sollte. Noch bevor die beiden wieder im Wald verschwunden waren,
machte sich hämisches Gekicher breit.
Shafir drehte sich schlagartig um und rief laut: „Tut nicht
so, auch ihr seid einsam!“ Dann verschwanden die beiden im
Wald. Einer der Kerle meinte anzüglich: „So einsam
auch wieder nicht; da würde ich lieber die schwarzhaarige
Zauberschlampe rannehmen!“ Zustimmendes Gelächter
folgte. Einer sah aus, als wolle er eine Bemerkung über
Yolande machen, die etwas weiter weg saß, aber dann fiel sein
Blick auf mich und ihm blieben sichtlich die abfälligen Worte
im Hals stecken. Gut so, Drecksack, halt bloß Dein Maul, dann
bleiben Deine Zähnchen heil.
Yolande hatte mir während des grauenvollen Abendessens
gesteckt, dass ich ihr in dieser Nacht helfen solle, eine Kiste der
Magierin zu öffnen, in der sie wertvolle Hinweise auf das
Ritual vermutete. Sie hatte zur Vorbereitung einen starken Schlaftrunk
gebraut, den sie der seltsamen Maga mit dem Tee verabreichen wollte.
Das sollte also ein Leichtes werden!
Mit der Aussicht auf ein nächtliches Abenteuer blieb ich daher
gut gelaunt zusammen mit Fendal am Lagerfeuer sitzen, während
sich die meisten Lagerbewohner früh in ihre Betten
zurückzogen. Ein weiterer Kerl blieb ebenfalls sitzen und gab
in ausschweifenden Worten seine Eroberungsgeschichten zum Besten. Dabei
war er sogar gar kein schlechter Unterhalter. Wir mussten jedenfalls
herzlich an der einen oder anderen Stelle lachen und ich musste mich
wirklich zwingen, nicht meinerseits ähnliche Geschichten zu
erzählen. Denn schließlich mimten wir Ritter ja
Bewohner der Oase Birscha und außerdem war es nicht gut sich
mit den Kerlen zu sehr zu verbrüdern, denen wir
womöglich schon am nächsten Tag mit blank gezogenen
Klingen gegenüberstanden. Auch wenn er meine Vorliebe
für weibliche Reize teilte, so war er doch vor allem ein
verblendeter, fanatischer Ketzer. Dies hielt ich mir immer wieder vor
Augen.
Trotzdem dauerte es wohl geraume Zeit, bis ich endlich Yolande
bemerkte, die wohl schon einige Male vergeblich versucht hatte, meine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich gab dem Superstecher neben mir
zu verstehen, dass ich mich nun „ins Bett“
zurückziehen würde und ignorierte dessen Protest, er
wolle noch die Geschichte der Schwester des Mädchens aus Unau
zum Besten geben geflissentlich.
Noch während ich mich entfernte, beschwerte er sich
abfällig bei Fendal. War mir egal. Ich hatte anderes im Sinn.
Ich versuchte möglichst unauffällig zur
Hütte hinüber zu gehen, wo Yolande vor der
Tür schon auf mich wartete. Doch als ich fast dort war, trat
direkt vor mir einer der Fanatiker aus dem Busch und nestelte sich
gerade noch die Beinkleider zu. Ich wäre fast in ihn hinein
gestolpert und konnte gerade noch einen Schritt zur Seite machen.
Sein Blick fiel auf mich, dann auf Yolande und lauernd wollte er
wissen, was denn nun hier los wäre. Da half nur die Flucht
nach vorne. „Was denkst Du denn?“, fragte ich ihn
barsch und mit grollendem Unterton. „Ich will die Nach mit
meiner Frau verbringen, was dagegen?“ Seine Augen weiteten
sich und er warf einen begehrlichen Blick auf Yolandes, deren
wohlgeformter Körper sich zum Glück nur undeutlich
unter ihrem Kaftan abzeichnete.
„Du… Du… willst da rein?“
stotterte er perplex und neidisch zu gleich. „Und was ist mit
der Maga? Die hat am ersten Tag, den Typen, der ihr anerkennend den Po
geklopft hat, einfach so zu Asche verbrannt!“ Ich zuckte die
Schultern und entgegnete gleichmütig: „Vielleicht
macht sie ja mit.“
Ich ließ ihn in seiner Verblüffung stehen und folgte
Yolande schnell in die Hütte. Glücklicherweise hatte
sie von der leise geflüsterten Unterhaltung nichts
mitbekommen.
In der Hütte war es ziemlich dunkel. Im glimmenden Licht der
Laterne führte mich Yolande zu der Kiste. Bevor ich begann,
hielt sie mich jedoch zurück. „Warte, ich will
sicher gehen, dass sie schläft.“ wispert sie. Dann
zauberte sie den Heilschlafzauber auf die schwarzhaarige Magierin.
„So, nun wird sie vor morgen früh nicht mehr auf
wachen.“ meinte sie selbstzufrieden. „Ganz
sicher?“ fragte ich mit einem bewusst lüsternen
Unterton in der Stimme. „GANZ sicher“! antwortete
sie verheißungsvoll, fügte dann aber kichernd hinzu:
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Dass sie mir dabei an den Hintern fasste, strafte ihre Worte sogleich
Lügen.
Ich kniete mich zur Kiste und zückte meine Dietriche. Um
ehrlich zu sein, war das Schloss nicht sonderlich schwierig, doch das
Licht war schlecht und Yolandes grapschende Finger lenkten mich mehr
ab, als ich zugeben wollte. Nach zwei vergeblichen Versuchen, brach ich
ab. „Du bist doch sonst geschickter mit Deinen
Wurstfingern!“ wisperte sie mir gespielt vorwurfsvoll ins
Ohr. „Du lenkst mich ab!“ gab ich zurück.
„Ich kann Deine Finger geschmeidiger zaubern.“ bot
sie an, worauf ich frech antwortete: „Wenn Du sie
für länger als ein paar Augenblicke verzauberst, hast
Du nachher noch was davon.“ Ich langte ihr unter den Kaftan
und ließ meine Hand langsam an ihrem Bein hinauf wandern.
Nach zwei vergeblichen Zauberversuchen schlug sie mir
schließlich auf die Hand und presste schwer atmend
„Das ist wenig hilfreich!“ heraus. War es aber wohl
doch, denn beim dritten Versuch, spürte ich mit einem Schlag
eine unglaubliche Fingerfertigkeit in meinen Pranken.
Wenige Augenblicke später hatte ich das Schloss offen und die
Kiste aufgeklappt. Drin waren nur Schriftrollen und Bücher,
die wir in dieser Dunkelheit nicht lesen konnten. Yolande schnippte mit
dem Finger und eine blaue Lichtkugel erschien über ihrer Hand.
Gleichzeitig griff ich nach der Lampe und drehte den Docht
höher. Überrascht blickte sie auf mich, dann auf die
Lampe. „Kein Grund, Deine Zauberkraft zu
verschwenden“ kicherte ich.
Doch wie enttäuschend war der Papierkram. Alle Schriftrollen
waren in Chrmk, der Echsenschrift beschrieben. Diese konnte ich zwar
prinzipiell lesen, genauso wie ich die Echsensprache Rsssah verstand,
doch es würde viel zu lange dauern. Kurzerhand zog ich die
Echsenmaske heraus und setzte sie auf. Ich verwandelte mich in
„H’Ardozz“ meine Masken-Achaz-Gestalt und
nun konnte ich die Rollen quasi in meiner Muttersprache problemlos
lesen.
Ich stellte schnell fest, dass die Werke über die Echsische
Kultur, das Wörterbuch und die von der Magierin beschriebenen
Rollen von geringster Qualität waren. Schreib-, Satzbau- und
Wortfehler überall. Grauenhafte Grammatik, völlig
falsche Interpretationen der echsischen Kultur und dazu gar
fantastische Ableitungen und verrückte Vermutungen.
Das alles offenbarte noch einmal deutlich, dass die Magierin Yaquiria
Schlangengold, wie sie eigentlich hieß, wirklich einen an der
Klatsche hatte. Sie war fanatisch fasziniert von allem Echsischen
und hielt sich tatsächlich für eine
wiedergeborene Achaz. Unfassbar. Mit meiner Dämmerungssicht
konnte ich in der spärlich erleuchteten Hütte sehr
gut sehen. Ich blickte auf die hässliche Warmblüterin
mit den schwarzen Haaren und den widerlichen, hervorstehenden Zitzen,
wie sie die Säuger alle haben… Moment mal. Ich bin
Ardo, ein Mensch und eine verblendete Fanatikerin wie Yaquiria ins Bett
zu kriegen wäre eine Herausforderung ganz nach MEINEM
Geschmack!
Ich nahm die Maske wieder ab. „Und?“ wollte Yolande
ungeduldig von mir wissen. Noch während sich in meinem Kopf
ein Plan formte, wie ich die Echsen-fixierte Maga am nächsten
Tag der Liste meiner Eroberungen hinzufügen konnte, antwortete
ich geistesabwesend: „Sie ist völlig
verrückt. Glaubt tatsächlich sie sei eine
wiedergeborene Echse und kann noch nicht einmal richtig die Sprache und
die Grammatik!“ Nun, vielleicht gelang es mir ja morgen
heraus zu finden, ob „verrückt“ genauso
gut fickt, wie „dumm“…
In dieser Nacht jedoch war meine liebe Yolande an der Reihe und wir
hatten einmal mehr viel Freude aneinander, was durchaus auch an meinen
ungewöhnlich geschmeidigen Fingern lag.
12. Tsa, 1034 BF, der Tag der Katastrophe
Dass es am folgenden Tag ganz anders kommen sollte, wusste ich zu
diesem Zeitpunkt noch nicht, sonst hätte ich sicher ganz
anders gehandelt. So aber verließ ich die Hütte im
Morgengrauen. Natürlich hatte ich meinen Kaftan wieder
angelegt und auch den Schleier vor dem Gesicht. Die Geräusche,
die Yolande und ich in der Nacht veranstaltet hatten, waren sicher in
allen Zelten gut zu hören gewesen.
Ich blieb kurz auf der Türschwelle stehen und blickte mich
neugierig um: Ah ja, tatsächlich. Etliche Fanatiker lungerten
in der Nähe herum, betont mit unwichtigen Dingen
beschäftigt und belauerten die Hütte aus den
Augenwinkeln. Gut! Mein Publikum war also schon versammelt!
Ich drehte mich auf der Schwelle um und rief mit sanfter Stimme, laut
genug, dass mich die Kerle deutlich verstehen konnten: „Gute
Nacht, meine Süßen!“
Anschließend stapfte ich breitbeinig, mit den Schritten eines
siegreichen Wettkämpfers an den Waldrand und entleerte dort
erst einmal geräuschvoll meine Blase.
Ich war mir der bohrenden, wütenden, neidvollen Blicke in
meinem Rücken bewusst – und kostete den Augenblick
in vollen Zügen aus. Als ich auf dem Weg zum Lagerfeuer an
einem kleinen, wieselartigen Kerl vorbei lief, wollte dieser halb
bewundernd, halb neidzerfressen wissen, warum ihm so etwas nie
passierte. „Weil Du keinen so langen Schwanz hast!“
ließ ich ihn in überheblichem Tonfall wissen. Warum
kleckern, wenn man auch klotzen kann, sagte mein Vater immer und ich
genoss es, mit diebischer Freude weiter Öl ins Feuer zu
gießen.
Doch das Beste sollte noch kommen, als wenig später eine durch
den magischen Heilschlaf völlig erholte und ausgeschlafene
Magierin mit bester Laune aus ihrer Hütte trat und
unüblicher Weise allen, denen sie begegnete, überaus
freundlich einen „Guten Morgen!“ wünschte.
Verdattert fragte sie einer der mittelreichischen Kultisten:
„Ja, hattet ihr denn eine gute Nacht, Hochgelehrte
Dame?“. Als sie daraufhin antwortete „Ja, in der
Tat, ich hatte eine ganz und gar wunderbare Nacht!“, da
wollte mein Grinsen schon fast nicht mehr in mein Gesicht passen. Wie
gut, dass das unter dem Schleier niemand sehen konnte. Wieder einmal
war es mir gelungen ein Mysterium zu erschaffen – auch wenn
es nur ein kleines war und eigentlich völlig unbedeutend, wenn
man von meinem derart gestreichelten Ego mal absieht…
So war es jedenfalls kein Wunder, dass sich die
„Nachricht“ von meiner Nacht mit den beiden Frauen
wie ein Lauffeuer bei den Kultisten verbreitete und für
ordentliche Unruhe beim morgendlichen Götzendienst sorgte.
Wunderbar! Dadurch fiel niemandem auf, dass Shafir fehlte. Nur
Hesindian war da. Er gab uns durch Gesten zu verstehen, dass wir nicht
nach Shafirs Verbleib fragen sollten.
Anschließend teilte uns Omar den üblichen
Arbeitsgruppen zu. Zusammen mit Fendal, Omjaid und etlichen anderen
Kerlen sollte ich wieder Holzhacken gehen. Yolande und Hesindian wurden
abermals zum Heilkräutersuchen geschickt.
Nachdem wir an der Stele angekommen waren, wo wir den Urwald roden
sollten, hackte ich eine Weile lustlos mit, bis ich mich mit einer
fadenscheinigen Begründung in den Wald trollte. Nach meiner
Vorstellung heute Morgen, begegnete man mir sowieso mit einer Mischung
aus unverhohlener Bewunderung und missgünstigem Hass.
Ich schlug mich durch den Urwald, bis ich an eine kleine Lichtung
unweit des Lagers kam. Ich zog meine Kleider aus und legte auch meinen
Schleier ab. Nackt wie mich die Götter geschaffen hatten,
setzte ich die Maske auf und verwandelte mich binnen weniger
Augenblicke wieder in H’Ardozz. Ich blickte an mir herab.
Obwohl ich nackt gewesen war, hatte ich nun wieder den
Achaz-Lendenschurz an. Sehr gut. Nun konnte ich mein Glück
versuchen – denn wenn es mir gelänge die Maga zu
verführen, musste ich mich für den
„Akt“ in einen Menschen verwandeln – und
da durfte ich nicht die Verkleidung der Kultisten anhaben.
Ich wurde mir sofort meiner Würde und meiner Stellung als
Achaz der Herrscherklasse bewusst, doch ich unterdrückte die
echsischen Herrschaftsgefühle so weit wie möglich.
Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen und dies durfte nicht
länger heraus geschoben werden.
Stolz und aufrecht betrat ich das Lager. Die wenigen Anwesenden
musterten mich neugierig, doch niemand stellte sich mir in den Weg. Ich
klopfte an der Türe der Maga, die nach kurzer Zeit
öffnete. Überrascht schaute sie mich an. Sie riss die
Augen auf und ich konnte förmlich sehen, wie ihr warmes Herz
schneller zu schlagen begann. Ehrerbietig bat sie mich herein und ich
schloss hinter mir die Türe.
Ich stellte mich als „Bote von Jenseits“ vor und
dann beging ich einen fatalen, unverzeihlichen Fehler. Statt mich nur
um sie und ihre verqueren Ansichten zu kümmern, gab ich in dem
Drang wichtige Informationen zu bekommen an, dass ich gekommen sei, um
den Stand des Rituals zu erfragen.
Nun ich hatte wahrlich damit gerechnet, dass sie mir diese
Informationen in ihrem Echsenwahn selbst geben konnte, doch stattdessen
schlug sie vor, dass wir dann doch gleich zum Dschinn der Nacht gehen
sollten. War es die Arroganz des Achaz, meine eigene oder die
Kombination aus beiderlei Überheblichkeit, ich kann es im
Nachhinein nicht mehr sagen. Jedenfalls willigte ich
dämlicher, überheblicher Volltrottel ein. Dachte ich
doch, dass niemand die Maske zu durchschauen vermochte. Das stimmte
zwar – aber es gab eben auch noch andere
Möglichkeiten und Dinge, die wir eben noch nicht heraus
bekommen hatten. Hätte ich doch nur behauptet, dass der
Dschinn unter meiner Würde sei, vielleicht wäre alles
ganz anders gekommen. Doch der Reihe nach.
Ich folgte der Maga zum Zelt des Dschinns. Die Wächter waren
überrascht, informierten den Dschinn aber von unserer Ankunft
und wir wurden in sein Zelt gelassen. Drinnen war es deutlich
kühler als draußen. Offenbar hatte er
ähnlich wie Shafir für Kühle gesorgt. Der
Dschinn war wie erwartet ein weiterer Nachtalb in der obligatorischen
Hölleneisen-Endurium-Rüstung inkl. Vollvisier-Helm.
In seiner Nähe lehnte ein elfisches Wolfsmesser.
Er begrüßte mich ebenfalls auf Rsssahh. Seine
Aussprache war wesentlich besser als das hilflose, unwürdige
Gestammel der Maga. Ich erzählte dieselbe Geschichte wie der
Maga. Er wollte daraufhin wissen, wer mich geschickt habe und abermals
beging ich einen Fehler. Ich behauptet, SIE, die Dienerin des Drachen
habe mich geschickt. „Nun, Du wurdest nicht
angekündigt, aber das lässt sich ja
nachprüfen.“ Antwortete der Dschinn der Nacht. Dann
machte er eine Geste und ich konnte mich keinen Halbspann mehr
rühren!
Paralysiert! Verdammt! Damit hatte ich nicht gerechnet. Aus
unbeweglichen Augen konnte ich sehen, wie er eine seltsame Kugel mit
Metallreifen aus einer Kiste holte und vor sich hinhielt. Nebel
erschien in der Kugel, dann hörte ich plötzlich die
Stimme des Nachtalben in meinem Kopf, obwohl man als Versteinerter
eigentlich stocktaub ist.
Er rief nach Pardona und berichtete von meinem Auftauchen. Ihre Stimme
in meinem Geist war sympathisch, verführerisch. Sie war zuerst
überrascht, dann leicht verärgert. Er hob das Ding in
meine Richtung, so dass sie mich durch die Kugel wohl sehen konnte. Sie
befahl ihm mich festzuhalten, da sie mich nicht kenne und
herauszufinden wer mich geschickt hätte. Die Maga machte ein
erschrockenes Gesicht, soweit ich das sehen konnte.
Er trat vor mich hin und versuchte überheblich einen
Hellsichtzauber – jedenfalls vermutete ich das. Nicht
überrascht war ich, dass er damit die Verhehlung der Maske
nicht zu durchdringen vermochte. Stümper! Offenbar sagte er
etwas zur Maga, doch da ich weder seine Lippen sehen konnte, noch einen
Ton hören, sah ich nur, dass sie aus meinem Gesichtsfeld
hinter mich trat.
Dann stellte er sich wieder vor mich und plötzlich
spürte ich trotz des Versteinerungszaubers, wie
plötzlich unangenehme Kälte an meinen Beinen
hinaufkroch und mir durch Mark und Bein drang. Zorn wallte in mir auf.
Was? Der Eiskasper wollte mich, den Ritter des Feuers mit
Kälte foltern? So nicht, Bürschchen! Ich versenkte
meinen Geist in mein Innerstes und griff nach der lodernden Flamme
dann, blickte ich ihn starr (Kunststück!) an und stellte mir
vor, wie mein Feuer, heiß wie Drachenfeuer, aus seiner
Rüstung schlug und diese verzehrte, bis sie
rotglühend war und ihn als Brandleiche
zurückließ. „Brenne!“ formte ich
in Gedanken den magischen Befehl – und tatsächlich
der Zauber klappte!
Orangerote Flammen schlugen überall aus seiner
Rüstung! Ich konnte keinen Laut hören, deswegen hatte
die Szene etwas Gespenstisches. Er brach den Zauber ab, den er auf mich
sprach, fiel zu Boden, wälzte sich dort und schlug verzweifelt
mit seinen Händen auf seine Rüstung. Als dies nichts
nützte, überzog sich seine Rüstung
plötzlich mit einer Eisschicht! Gleich darauf erstarben die
Flammen. Ob dies an dem Eis lag, oder daran, dass mein Zauber nur
wenige Augenblicke anhielt, konnte ich nicht sagen. Ich wollte ihm
jedenfalls keine Gelegenheit geben darüber nach zu denken!
Abermals versenkte ich meinen Geist in mein Innerstes, griff nach dem
Feuer und stellte mir vor, wie ich die Arme hochriss und alles um mich
herum in ein mächtiges Flammeninferno verwandelte. Ich wusste,
dass ich für diesen mächtigen Zauber auf einen Teil
meiner Lebenskraft zurückgreifen musste, doch das war mir
egal. Dieser Dschinn der Nacht würde mir nicht entkommen!
Nicht dieses Mal. Nun war es sowieso egal. Er hatte eine direkte
Verbindung zu Pardona und durch meine Überheblichkeit war ich
aufgeflogen. Da konnte ich ihn ebenso gut auch jetzt gleich erledigen.
„BRENNE!“ schrie ich stumm und ließ auch
diesen Zauber los. Sofort schlugen um mich herum überall
mächtige Flammen aus dem Boden. Teppich und Zelt fingen sofort
Feuer, auch der Dschinn der Nacht wurde in seiner Rüstung in
wenigen Augenblicken gar gebraten.
Dass dies alles – für mich – in kompletter
Stille ablief, verlieh der ganzen Szene etwas unwirkliches, als ob es
nicht real war. Ich sah, wie sich der Dschinn mit allen
Gliedmaßen zappelnd auf dem Boden wälzte, wie
plötzlich die Maga, mit brennendem Haar an mir vorbei rannte,
die Robe ebenfalls in Flammen stehend, die Haut schon blasend werfend.
Den Mund zu einem (stummen?) Kreischen verzerrt, unsägliche
Schmerzen ins Gesicht geschrieben. Sie kam ins Stolpern, taumelte. Sie
schaffte es noch unter dem zusammenfallenden, brennenden Zelt hindurch
ins Freie, doch nach ein-zwei Schritt brach sie zusammen und hauchte
ebenfalls wild zuckend ihr Leben aus.
Den Göttern sei Dank nahm mir das herabgefallene Zeltdach und
der immense Rauch der vom Teppich aufstieg die Sicht auf den Todeskampf
der ehemals wunderschönen Frau. Doch auch so, brannte sich das
Bild der stumm schreienden, brennenden Maga tief in meine Seele ein.
Bei Phex und Rahja! Was hatte ich getan? DAS hatte ich wirklich nicht
gewollt!
Als das Feuer erloschen war und sich der Rauch verzogen hatte, konnte
ich sehen, dass sich in meinem Gesichtsfeld inzwischen etliche
Kultisten eingefunden hatten, die angsterfüllt, aber nichts
desto trotz gar sensationslüstern neugierig auf die Szenerie
gafften. Meine schöne Schuppenhaut war mit grauem
Ruß verschmiert, aber der Versteinerungszauber hatte mich
erwartungsgemäß vor jeglichem Schaden bewahrt.
Herzlichen Dank, Dschinn der Nacht.
Auch Omar war da. Er schien zum ersten Mal überrascht zu sein.
Er brüllte wütend einige Kerle zusammen und kniete
sich dann zu der rauchenden Leiche des Nachtalben. Das dunkle
Visierglas war gesprungen und geschwärzt. Dünne
Rauchfäden stiegen daraus auf. Ha! Leg‘ Dich nicht
mit dem Ritter des Feuers an, Arschloch!
Vorsichtig klappte er das Visier mit seinem Dolch hoch, doch da war
wohl nichts mehr zu machen. Frustriert ließ er es wieder
fallen und machte sich dann an die Durchsuchung der Überreste
des Zeltes. Nach kurzer Zeit fischte er die rauchende Kugel, durch die
sich der Nachtalb mit seiner Herrin unterhalten hatte, aus der Asche.
Er hielt sie vor sich. Doch dieses Mal konnte ich nichts in meinem Kopf
hören. War sie durch das Feuer zerstört worden?
Unwahrscheinlich bei einem magischen Artefakt. Vielleicht waren ihre
Ladungen verbraucht? Möglich.
Jedenfalls konnte ich nicht erkennen ob er zu Pardona sprach oder
nicht. Dann sagte er etwas zu Fendal und ein paar anderen Kerlen und
gemeinsam trugen sie mich in den Speiseaal der Hütte. Der
Tisch und die Bänke wurden herausgeschafft. Er bedeutete den
Trägern den Raum zu verlassen, nachdem man mich abgestellt
hatte und schloss die Türe mit einem Riegel.
Und was nun kam, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Zum ersten Mal seitdem ich aufgeflogen war, verspürte ich den
leichten Hauch von Bedenken, ob dies wohl gut ausgehen würde.
Denn er begann deutlich erkennbare Zaubergesten und plötzlich
versank ich bis zum Hals im Boden! Omar ein Magier? Verdammt! Wie
hatten wir das nur übersehen können? Ich verfluchte
unsere Unachtsamkeit. Geblendet von all den Idioten um uns herum hatten
wir völlig übersehen, dem sichtlich einzig
kompetenten Kerl im Lager genauer auf den Zahn zu fühlen.
Doch es kam noch schlimmer. Da mein Kopf nur wenige Handbreit aus dem
Boden herauslugte, konnte ich sehen, wie er anschließend
etliche magische Zeichen um mich herum in den Boden ritzte. Wollte er
einen Dämon austreiben? Das konnte er lange versuchen. Dann
zauberte auch er etwas, doch wie schon bei dem Nachtalben vermochte
auch er nicht durch die Verhehlung der Maske zu sehen.
Also nahm er sich einen Stuhl, setzte sich rittlings darauf und wartete
ab bis der Versteinerungszauber von mir abfiel. Dies kündigte
sich wenig später durch ein Kribbeln an, welches in meinen
Gliedmaßen begann und sich dann auf den gesamten
Körper ausbreitete. Ich nahm alle Selbstbeherrschung zusammen
und verzichtete darauf meinen Kopf zu bewegen oder auch nur zu
Blinzeln. Gut. Blinzeln konnte ich als Achaz ohnehin nicht, aber den
Drang zu unterdrücken, mir die verstaubten Augen zu lecken,
war eine kleine Heldentat.
Vorsichtig probierte ich, ob ich einen Zehen, einen Finger oder gar
meinen Schwanz bewegen konnte, doch der Lehm um mich herum war fest wie
Fels. Verdammt!
Während wir uns gegenseitig anstarrten überlegte ich
fieberhaft meine Möglichkeiten. Ich saß
buchstäblich ganz schön tief in der
Scheiße. Es war praktisch unmöglich mich aus eigener
Kraft aus dieser Misere zu befreien. Ich hatte wahrlich nicht damit
gerechnet, dass Omar ein Zauberkundiger war. Ich konnte nur hoffen,
dass Fendal gesehen hatte, wie er mich im Boden versinken
ließ und sich draußen meine Gefährten
bereit machten um mir zu Hilfe zu kommen. Was ich brauchte war etwas
Zeit und einen Plan.
Mir fiel ein, wie Hesindian mir einmal erzählt hatte, dass er
mit der Macht der Herrin Hesinde einen Frevler mit Dummheit schlagen
konnte. Ja, das wäre was! Das wünschte ich denn Omar
mit aller Kraft! Leider jedoch ohne sichtbaren Erfolg.
Schließlich war ich des Starrens
überdrüssig und sprach ihn auf Rsssah an, wie lange
er das Starren noch treiben will. Er entgegnete, dass er sich doch
schon gedacht hatte, dass der Zauber längst abgefallen sein
müsste. Endlich konnte ich mir die Augen lecken! Was eine
Wohltat!
Wie auch der Nachtalb wollte er wissen, wer mich geschickt hatte. Dass
es nicht Pardona war, dessen sei er sicher, sagte er, denn ich sei
nicht angekündigt worden. Ich behauptete ich käme aus
dem Süden, aus der Gegend von Selem. Dies erwog er kurz, doch
hielt es für nicht sonderlich wahrscheinlich. Er wollte
wissen, wie ich es durch die Wüste geschafft hätte,
denn aus Zzeh Tha sei ich nicht, da das Portal nicht offen gewesen sei.
Ich fragte mich, wie lange es noch dauern mochte, bis endlich meine
Gefährten die Bude stürmten.
Ich beschloss die Zeit zu nutzen und vielleicht doch noch ein bisschen
etwas zu erfahren. „Du bist kein Mensch!“ sagte ich
entschieden. Ein Schuss ins Blaue konnte nicht schaden. „Gut
erkannt!“, entgegnete er selbstzufrieden und drohte
mir damit, dass ich mich in keiner guten Lage befinden würde.
„Du auch nicht!“ gab ich möglichst
selbstsicher zurück. „Nun dann verbrenne mich doch,
wie Du den Dschinn verbrannt hast“ forderte er mich
überheblich auf. Und da begriff ich: Die Zeichen waren ein
Feuerbann. „Du hast einen Feuerbann um mich
gelegt“, entgegnete ich und fügte mit aller
Gewissheit und dem Gedanken an meine Gefährten hinzu:
„Das wird Dich auch nicht retten, solltest Du Hand an mich
legen!“ Nun hob er tatsächlich eine Augenbraue und
meinte fast amüsiert: „Ich bin beinahe geneigt das
heraus zu finden. WER HAT DICH GESCHICKT?“
Ich ignorierte seine Frage und antwortete stattdessen. „SIE,
der Du folgst, dient nicht dem Alten Drachen, sondern dem Gott ohne
Namen!“ Ich hoffte, dass dies auf ihn eine ähnliche
Wirkung haben würde, wie damals auf den geierköpfigen
Magier das Wissen, dass er unwissentlich den Untergang der Menschheit
vorbereitete. Doch seine Antwort jagte mir Kälte bis ins
Innerste: „Und wenn schon, solange ich an ihrer Seite stehe,
wenn sie die Macht übernimmt, ist mir das egal!“
Er stand langsam auf und stellte den Stuhl weg. „Ich habe
jetzt genug von Dir.“ Ließ er mich wissen und trat
langsam auf mich zu. Verdammt, wo blieben meine Gefährten wenn
man sie mal braucht?
Bautz, da sprang die Türe auf und herein in schnellem Lauf,
sprang eine Steinerne Statue – Omjaid! – zwei
Schwerter in den Händen dicht gefolgt von den übrigen
Rittern! Mit magischer Geschwindigkeit fächerten sie sich kaum
durch die Türe gestürmt auf. Zwar steckte ich noch
immer fest im Boden, doch alleine der Anblick meiner Freunde
genügte, mir wieder Oberwasser zu verschaffen.
„Die Elemente werden Dich vernichten, wie schon viele von
Pardonas Dienern!“, schrie ich Omar an. Doch er
ließ sich nicht ablenken. Mit einer fließenden
Bewegung griff er sich in den Ausschnitt seines Hemdes, riss sich etwas
vom Hals und in wenigen Herzschlägen wuchs er auf fast 2
½ Schritt Größe an. Sein
Körper bildete kleine Flügel aus, seine
Hände wurden zu Klauen, seine Kleider zerrissen! Er war ein
Mandrake!
Oh wir Vollidioten! Hatten meine Gefährten nicht den Traum
gehabt? Hatten wir nicht eine Mandrakenhaut dabei? Hatte er nicht die
Überheblichkeit und Selbstsicherheit einer solchen Kreatur
ausgestrahlt?
Ich konnte nur hilflos zusehen, wie eine starke Welle an Kraft von
ihm ausging, die alle Ritter bis auf Omjaid zurück
warf. Dieser zuckte nur, stürmte los und sprang mit voller
Wucht vom Boden ab um beide Schwerter in den Drachling zu
stoßen. Doch kaum hatte er den Boden verlassen, wurde er von
einer unsichtbaren Kraft gepackt und in der Luft festgehalten.
Hesindian schnellte wie ein Wirbelwind an Omjaid vorbei und schlug mit
seiner Zweililie nach „Omar“, doch dieser sprang
über den Schlag hinweg und flatterte nun mit dem
Rücken knapp unter der Decke. Hesindian stach ein zweites Mal
nach ihm, doch seine Klinge hinterließ nicht einmal einen
Kratzer. Offenbar hatte der Drachling mehrere Schutzzauber auf sich
gewirkt.
Es begann ein harter, verzweifelter Kampf meiner Gefährten
gegen einen in der Tat übermächtigen Gegner
– und ich konnte nur hilflos zusehen. Shafir schoss eine
Eislanze auf den Drachling, doch diese wurde von einem Schutzzauber
abgefangen – jedoch war sie so stark, dass dieser unter ihr
verging und die letzten Eissplitter dem Scheusal die Schuppen
zerfetzten. Fendal schlug mit seiner Axt einige Male vergeblich nach
dem Drachling, der wohl auch einen Schnelligkeitszauber hatte.
Als er sich der Gefahr durch Shafirs Eiszauber bewusst wurde, wirkte er
eine Dunkelheit um sich herum, so dass niemand mehr außer ihm
selbst etwas sehen konnte. Nicht einmal ich in Achazgestalt mit den
dämmerungsaktiven Augen konnte ihn noch sehen. Doch ich kannte
Abhilfe. Ich wirkte die Wärmesicht des Feuers und konnte nun
mühsam die warmen Schemen erkennen. Laut rief ich meinen
Gefährten zu wohin sie sich wenden sollten. Omjaid rief einen
Erzdschinn herbei, der auf den Mandraken zu stapfte, und dem die
Dunkelheit nicht das Mindeste ausmachte!
Hesindian rief nun tatsächlich laut seine Herrin an, um den
Mandraken mit Dummheit zu schlagen! Hatte der etwa meine Gedanken
gelesen?! Egal! Straft ihn, ihr Götter! Doch der Mandrake
packte ihn an der Gurgel und würgte ihn, während er
gleichzeitig Fendal seinen Schwanz mit einer schwungvollen Drehung ins
Gesicht schlug. Mit der anderen Hand hielt er Hesindians Waffenhand
lässig in Schach.
Yolande krabbelte währenddessen zwischen allen hindurch auf
allen Vieren auf mich zu und nachdem sie mich gefunden hatte, tippte
sie mich mit ihrem Stab an, um meine verlorene Lebenskraft zu heilen.
Dann begann sie Runen des Feuerbanns zu zerstören.
Nachdem auch Shafir einen zweiten Dunkelheitszauber gewirkt hatte und
somit auch der Mandrake nichts mehr in der stock-stock-finstereren
Hütte sehen konnte, der Erzdschinn auf ihn
einprügelte und der röchelnde Hesindian einfach nicht
von seinem Gebet ablassen wollte, ergriff er die Flucht! Er kassierte
noch einen Schlag des Erzdschinns in den Rücken, der
heißes Blut spritzen ließ, doch dies war ihm egal.
Er schlug mit Hesindian nach Shafir.
Dieser versuchte ihn nochmals mit einer Eislanze zu treffen, doch in
der Hektik verhaspelte er sich. Der Mandrake rannte ihn um und war
draußen. Omjaids Erz-Dschinn folgte ihm polternd, doch viel,
viel langsamer. Hesindians röchelnde Schreie entfernten sich
schnell.
Auch Shafir rannte wie gehetzt aus der Hütte, nachdem er
zuerst gegen die Wand geprallt war. Fendal machte sich daran Yolande
beim Graben zu helfen, doch Omjaid war schneller. Er rief einen
weiteren Erz-Dschinn herbei, der mich ohne Federlesens aus dem Boden
zog.
ENDLICH war ich frei! Nun brauchte ich nur noch mein Schwert und konnte
den Mistkerl Mores lehren!