Buch des Drachen Hesindian Praiobur
- Meine Erkenntnisse auf den Spuren Kara ben Yngerimms ab dem Jahr 1033 nach dem Fall der Kapitale Bosparan -

04. Rondra 1034 BF
Stadt der Blauen Mahre, Unbekannte Lokation, Ehernes Schwert

Wir hatten einige Stunden geruht. Wenn man das in meinem Fall überhaupt so nennen konnte. Die bohrenden Kopfschmerzen waren inzwischen so schlimm geworden, dass ich kaum noch klar denken konnte. Erschreckt stellte ich inzwischen fest, dass ich kaum noch bis zur 20. Primzahl kam. Zu normalen Zeiten war ich stolz darauf selbst wenn ich aus dem Tiefschlaf gerissen wurde bis Nummer 100 zu kommen. Ich überlegte sogar kurz, ob es die Sache besser machen würde, wenn ich meinen Kopf gegen den Felsen schmetterte. Doch ein brennender Stich überzeugte mich rasch eines besseren. Das konnte ich nicht mehr lange aushalten und so drängte ich massiv darauf nun endlich aufzubrechen. Zusammen mit Ardo versuchte ich dem Anführer der blauen Mahre verständlich zu machen, dass wir zu Fuldigor (mahrisch: „Wh-aaull Diiaaagrr“) wollten. Ich sandte ihm Gedankenbilder die uns zeigten, wie wir zu einem gewaltigen Drachen mit tausendjährigen Eichen auf dem Rücken liefen, während Ardo ihm die Karte zeigte, der wir bisher gefolgt waren. Obwohl Ardo wohl eher als Grabräuber und Abenteurer bezeichnet werden konnte, war er doch auf dem Gebiet der Kartographie sehr bewandert. Irgendwie fehlte mir hier das richtige Verständnis für das komplexe System der Höhenlinien und Entfernungsangaben.

Schließlich verstand die Kreatur was wir wollten und führte uns durch viele gewundene Tunnel und Höhlen immer tiefer und tiefer in die Bergkette des Ehernen Schwerts. Nachdem wir eine ganze Weile unterwegs waren, wurden die Mahre die wir trafen immer seltener bis wir endlich eine große Grotte betraten, in der uns schon eine offenkundig feindlich gesinnte Delegation aus fünfzehn Mahren erwartete. Es kam mir wie ein letzter Außenposten mit seiner Besatzung vor. Deren Anführer kam auf unseren Führer Eaaie-kh zu und hob die rechte Hand zu dem Gedankenwettstreit, den wir schon häufiger beobachtet hatten und an dem sich sogar Omjaid schon versucht hatte. Doch Omjaid war unserem jetzigen Führer ganz eindeutig unterlegen, sodass ich erst guter Hoffnung ob der Stärke unseres Führers gewesen war. Umso größer war meine Enttäuschung, dass sich unser Führer schon nach wenigen Augenblicken geschlagen gab und sich unterwürfig zurückzog. Triumphierend und drohend trat der Sieger nun auf uns zu und blickte uns herausfordernd an.

Schwankend machte ich mich auf nach vorne zu treten um das Duell anzunehmen. Doch so benebelt wie ich war, rechnete ich mir nur geringe Chancen aus und war so froh, dass Shafir mich sanft zu Seite schob und selbstbewusst die Hand zum Duell - zum „Eiuuu-g-ia“ - erhob. Überheblich nahm der Mahr die Herausforderung an. Doch ganz so einfach, wie er sich das wohl gedacht hatte, war es nun wirklich nicht. Fast meinte ich, dass Shafir sogar ein paar Mal lächelte, obwohl ihm nach einer ganzen Weile durchaus der Schweiß auf der Stirn stand. Er berichtete später, dass er die plumpen, wenn auch heftigen geistigen Angriffe seines Gegners ein ums andere Mal pariert hatte. Schließlich konnte er den anderen Duellanten mit einer listigen Finte übertölpeln, indem er dessen Angst vor Wasser in seinen Gedankenbildern benutzte um seinen Gegner zu verunsichern und so den Kampf für sich zu entscheiden.

Na, wer hätte gedacht, dass unser hochmütiger Gefährte zu solch intellektuellen Leistungen im Stande war. Bestand etwa doch noch Hoffnung für den selbsternannten zukünftigen „Größten Magier aller Zeiten?“ Unser Anführer war auf alle Fälle höchst beeindruckt und schnatterte etwas auf Shafir ein, was wir aber nicht wirklich verstanden. Nachdem die feindlichen Mahre uns unterwürfig Platz gemacht hatten, nahmen wir unseren Weg wieder auf und gelangten an einen See. Obwohl dieser sehr flach war, weigerten sich die Mahre uns noch weiter zu begleiten und deuteten nur darüber. Dahinter wurden die Gänge immer niedriger, sodass wir schließlich sogar teilweise kriechen mussten und immer wieder stieß ich mir unsanft den Schädel an einem Stein, was mir Wellen des Schmerzes einbrachte, die mir schier den Magen umdrehten. Es war eine einzige Tortur, die einfach kein Ende zu nehmen schien. Wie lange wir schon unterwegs waren, konnte ich nicht sagen und ohne Sonne oder Sterne hatte ich vollkommen die Orientierung verloren. Aber zumindest schienen Ardo und Omjaid zu wissen wohin wir gingen.

Als ich gerade wieder schwankte und nur Fendal im letzten Moment verhindern konnte, dass ich stürzte, gab es vorne etwas Unruhe und ich sah Omjaid nach etwas mit seinem Schwert schlagen und schließlich schmerzhaft über eine Schlange zu fluchen. Eine Schlange (zyk. Ópheis, bosp. Serpentes)? Hier? Im ewigen Dunkel? Ich wollte gerade nach vorne gehen um mir diese wissenschaftliche Sensation anzusehen, da sah ich das Geschöpf – von Omjaid erwürgt – schon tot gegen eine Wand fliegen. Schon nach kurzer Zeit stolperte er und sank gegen die Felswand des Ganges. Wenige Augenblicke später begann er zu zittern und brach schließlich bewusstlos zusammen. Oh Herrin HESinde, dieser Gewaltmensch, dachte ich mir, während ich mir die Schlange näher besah. So eine Art hatte ich noch nie gesehen, aber es handelte sich um ein ganz sicher außerhalb dieser Gänge unbekanntes Exemplar der Familie der Ottern oder Vipern (bosp. Viperidae), die sich häufig durch den Einsatz von Gift auszeichnen – was Omjaid ohne Zweifel gerade erfuhr. Aber da sich Yolande schon um ihn kümmerte machte ich mir da wenig Sorgen. Trotz meiner Kopfschmerzen weigerte ich mich mein Untersuchungsobjekt nicht näher in Augenschein zu nehmen. Interessiert stellte ich fest, dass die Augen des Tieres – zweifellos als Anpassung an die ansonsten ewige Dunkelheit hier – vollkommen verkümmert und kaum noch vorhanden waren. Stattdessen stellte ich extrem vergrößerte Geruchsgruben fest – faszinierend! Und Omjaid, diesem Totschläger, war nichts anderes eingefallen, als dieses Wesen zu meucheln. War es denn nicht möglich gewesen, sie einfach nur zu verscheuchen? Oh HESinde, deine Gaben sind manchmal wirklich vollkommen verschwendet. Da er wohl keine bleibenden Schäden davontragen würde, hielt sich mein Mitleid für ihn arg im Rahmen. Weil es aber keinen Sinn machen würde, mit einem geschwächten Führer weiter zu gehen und es vermutlich auch schon Abend war, beschlossen wir hier unser Nachtlager einzurichten.


05. Rondra 1034 BF  Tag des Schwurs – Höchster Feiertag der RONdrakirche
In der Nähe der Stadt der Mahre, Unbekannte Lokation, Ehernes Schwert

Gerade kämpfte sich mein Verstand durch den Brei von bleiernen Schmerzen, als sich ein spitzer Schrei dazu mischte. Ganz offenbar hatte eine Schlange die ganze Nacht neben Yolande gelegen. Soviel also zum Thema der gefährlichen Monster die man sofort umbringen muss. Naja. Ich drängte darauf schnell aufzubrechen. Denn ich fühlte ganz deutlich, dass wir nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt sein konnten. Und so sehr ich mich über die Ehre gefreut hatte den Inhalt der Birscha Schriftrolle in mich aufnehmen zu dürfen – so sehr freute ich mich darauf, wieder alleiniger Herr meiner Gedanken zu sein! Wenige Stunden später sahen wir endlich das Ende des Tunnels vor uns auftauchen und es wurde langsam heller, als das Licht des Herren PRAios wieder zu uns gelangte. Schließlich verließen wir den Gang und sahen unter uns einige mächtige Gipfel des ehernen Schwertes liegen. Doch waren wir bei weitem noch nicht auf dem Dach der Welt angelangt. Denn auch hoch über uns war noch lange kein Ende dieser gewaltigen Machtdemonstration INGerimms abzusehen. Nahmen diese Gipfel denn jemals ein Ende? Würde jemals ein Mensch auf dem höchsten dieser Gipfel stehen? War das Anmaßung? War das die Überheblichkeit des Menschen? Stand diese Ehre nur den Göttern zu? Wo war die Grenze zwischen dem freien Willen verbunden mit dem Wunsch alles zu erreichen und dem „Schändlich Hämmern an den Grundfesten von Reich, Dere und Alveran“? Nun wie auch immer, hier oben war die Macht der Zwölfe nicht zu leugnen!

Wir marschierten weiter durch die Berglandschaft. Und doch war hier etwas anders. Zuerst konnte ich es nicht fassen, doch dann bemerkten wir, dass die Natur hier verändert war. Es schien fast so, als hätte die Macht Fuldigors des Beenders hier alles geprägt. Der Weg auf dem wir uns befanden, sah fast wie gearbeitet aus und war doch natürlichen Ursprungs, so als wäre der Stein in die entsprechende Form gewachsen. Die Stufen, die Wände alles natürlich und doch auch wiederum nicht – eine Machtdemonstration der uralten Kreatur. Und dieses Wesen wollten die Bosparaner einst – vertreten durch ihren Stammvater Horas – vertrieben haben? Das konnte ich kaum glauben. Was war das? Hatte die Wolke dort nicht gerade wie ein Drache ausgesehen? Und die Felswand hier, sah sie nicht aus als würde sie aus einzelnen Drachenschuppen bestehen? Der Weg auf dem wir nun schritten war erstaunlich komfortabel – fast als wäre er nun die Belohnung für die Mühen bis hierher zu kommen. Dieser leichte Weg schien mir nun endgültig den Verstand zu vernebeln. Denn plötzlich verfiel ich auf den merkwürdigen Einfall, mir Ardo und Yppolita beim Rahjaspiel vorzustellen und wie bereits in der Höhle der Mahre diese Vorstellung mittels der Gedankenbilder Fendal einzugeben, als er gerade auf unserer abendlichen Rast seine Suppe löffelte. Fast als ob mich die Schriftrolle für dieses liederliche Vorhaben bestrafen wollte, zerrissen die bisher schlimmsten Kopfschmerzen meines gesamten Lebens meinen Kopf und ich stürzte schwer zu Boden und erbrach mich. Das es dann ausgerechnet Fendal war, der mir dabei half mich zu säubern, mache meine Beschämung noch viel schlimmer. Kleine Sünden bestrafen die Zwölfe also wirklich sofort. Währenddessen war es Ardo und Omjaid gelungen gemeinsam auf der Karte unseren ungefähren Aufenthaltsort zu bestimmen.


6. Rondra 1034 BF  
In der Nähe der Stadt der Mahre, Ungefähre Lokation, Ehernes Schwert

Dieser neue Tag begrüßte uns mit dem Blick auf ein gewaltiges Bergpanorama, das und das war sicherlich kein Zufall, dem Profil eines prächtigen Drachens ähnelte. Optimistisch brachen wir auf und folgten dem Pfad der sich nun langsam in die Felsen einschnitt. Der Einschnitt wurde tiefer und tiefer, bis wir uns schlussendlich in einer engen Klamm befanden, die so tief war, dass das Licht des hellen Tages nur noch ganz entfernt am Himmel zu erkennen war. Dann änderte sich etwas. Irgendwie schien es dunkler und kälter zu werden. War da ein Wispern? Huschte etwas über den Felsen? Fendal und Ardo zogen nervös ihre Waffen, als plötzlich ein Rascheln, ein Flüstern zu hören war. Dann trauten wir unseren Augen kaum, als die Schatten an den Wänden in einander flossen und schließlich erhoben sich acht finstere Gestalten, die uns ein baldiges Ende versprachen: „Kehrt um oder sterbt!“
Mir stockte der Atem, als vor uns ein Irrhalke und gleich sieben Heshtotim den Weg blockierten. Selbstverständlich zogen wir alle unsere Waffen und würden unsere Haut, „Kara ben Yngerimm“ gleich, teuer verkaufen, doch rechnete ich mir nur geringe Chancen aus. Doch aufgeben, das würden wir sicherlich nicht. Die Dämonen warteten noch ab und so gelang es Yolande mittels ihrer astralen Kraft Ardo, Fendal und mich vortrefflich zu schützen. Was hatten wir schon zu verlieren? Umkehren war keine Alternative. So vertrauten wir uns den Göttern an, griffen unsere Waffen fester und stürmten den Sendboten der Niederhöllen entgegen. Gerade als unsere magischen Klingen die Essenz der Dämonen kosten wollten, lösten sich diese einfach in Rauch auf – und waren verschwunden!

Was wurde denn hier gespielt? Dämonen verschwanden doch nicht einfach! War das ein Test? Wollte der Beender testen ob wir unsere heilige Queste auch beenden würden? Shafir und ich spekulierten darüber, dass es eine unglaublich beeindruckende Illusion gewesen war. Dass ein mächtiger Magier alle normalen Sinne täuschen konnte war ja noch vorstellbar. Aber die dämonische Präsenz die wir gespürt hatten, war unglaublich intensiv gewesen. Noch niemals hatten wir gehört, dass dieses gelungen war. Selbst die Erzählungen über die Schlacht um Kurkum mit den vollendeten Illusionen Xeerans hatten von so etwas nicht berichtet.

Nachdem wir unsere Überraschung nun überwunden hatten marschierten wir weiter und erreichten bald ein kleines Tal an dessen Anfang zwei gewaltige 12 Schritt hohe Säulen standen. Unnötig zu sagen, dass diese allen Gesetzen der Natur und der Götter zuwiderlaufen schienen und unmöglich auf natürlichem Weg entstanden sein konnten. Auch müssten sie eigentlich längst umgestürzt sein. Wir marschierten durch die Säulen, doch kaum hatten wir ein paar Schritt hinter uns gebracht, als sich das ganze Tal um uns herum drehte und wir uns wieder am Ausgangspunkt befanden. Wir versuchten es noch einmal, doch wieder mit dem gleichen Ergebnis. Es war also wieder ein Test. Wir experimentieren eine Weile herum. Doch auch als wir Fendal mit verbundenen Augen hindurch schickten kam es zum gleichen Ergebnis. Ab einem bestimmten Punkt schenkte er automatisch nach rechts und dann gleich wieder. Also drehte sich nicht das Tal selbst, sondern der Proband drehte sich unwillkürlich nach rechts. Erst als Fendal es erneut probierte und kurz vor dem bestimmten Punkt nach links abschwenkte und er sich dann automatisch wieder nach rechts drehte – und so mit dem Blick zum Talausgang stand – kamen wir dem Rätsel auf die Schliche. Es handelte sich letztendlich um eine Art Labyrinth bei dem unsichtbare Wände mit einer Art Widerwille Cantus belegt waren, die einen Reisenden automatisch in eine bestimmte Richtung lenkten. Nachdem wir dieses Rätsel gelöst hatten, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir dieses Tal verlassen hatten.

Nach knapp 30 Minuten erreichten wir das Ufer eines schäumenden Gebirgsbachs, der aus der Höhe zu uns herabströmte. Sonderlich tief war er nicht, aber in Anbetracht der Temperaturen und der Geschwindigkeit des Wassers wäre ein Sturz in die eisigen Fluten im besten Falle nur unangenehm, im schlimmsten Fall lebensgefährlich. Am Ufer des Baches führte ein Pfad nach oben, den wir entlanggingen und gingen und gingen und gingen. Hier stimmte schon wieder etwas nicht. Wir gingen und doch kamen wir nicht wirklich voran auch wenn es den Eindruck hatte. Irgendetwas verhinderte, dass man das Tal nach oben verlassen konnte. Alle Versuche unseren Weg zu markieren scheiterten, denn weder hielt Kreide an den Wänden, noch ließ sich den Felsen auch nur der kleinste Kratzer beibringen. Ein Experiment ergab, dass sich ein Proband knapp 180 Schritt entfernte und dann auf der Stelle weiterlief. Auch als ich Fendal in einem zweiten Versuch begleitete, getreulich meine Schritte bis 500 zählte und mich dann umdrehte, hatten wir nicht mehr als die bekannten 180 Schritt zurückgelegt. Auf dem Pfad kamen wir also nicht weiter. Wir beschlossen es über den Bach zu probieren. Omjaid übernahm die Spitze und nachdem er knapp 180 Schritt hinter sich gebracht hatte, verschwand er einfach. Es funktionierte also.

Doch der Aufstieg war bei unserer ganzen Ausrüstung und in der dicken Winterkleidung alles andere als ein Vergnügen. Und ich war nicht der einzige, der ausglitt und bäuchlings im eiskalten Wasser landete. So banden wir uns schließlich immer zu zweit zusammen – getreu nach dem Motto „gemeinsam sind wir stark“. Doch auch das hätte mir fast ein erneutes Bad beschert, aber gerade als es mir das rechte Bein zur Seite riss, glitt ich mit dem andern Bein mitten in der Bewegung aus und ohne dass ich nachher hätte sagen können, wie das genau vor sich ging, landete ich wieder auf beiden Beinen. Fendals Gesichtsausdruck nach muss ich einen ziemlich verdutzten Anblick abgegeben haben. So aber kamen wir endlich nach oben. Dort standen in einem Talkessel neben Fendal und mir schon Yolande, Shafir und Omjaid, die bereits ein Feuer an dem in der Mitte liegenden Kratersee entfacht hatten. Wir drehten uns um, doch von Ardo und Ypolitha war durch die Gischt des Baches nichts zu sehen. Wir warteten eine Weile, doch die beiden kamen einfach nicht. Omjaid ging los um durch die Gischt nach unten zu blicken, doch auf einmal konnte er nicht weitergehen. Wo blieben die beiden denn? Shafir kam auf die Idee ein Stück Holz an unsere Seile zu binden und den Bach hinunter zu werfen. Doch auch mit dieser Hilfe war es wohl noch nicht genug. Schließlich hatten wir insgesamt auch nur fünfzig Schritt Seil. Zwar kletterte nach kurzer Zeit Ypolitha über die Kuppe, aber von Ardo war weiterhin nichts zu sehen. So schlug Shafir dann vor, Omjaid als besten Kletterer mittels eines magischen Spruchs zu betäuben und dann am Seil den Bach hinunter zu lassen. Da wir keine anderen Alternativen hatten und Omjaid sich dazu bereit erklärte, führten wir diesen Plan aus und so kamen nach einer ganzen Weile Omjaid und Ardo gemeinsam das Seil hochgeklettert. Ardo sah vollkommen zerschlagen aus, aber ein Blick in sein Gesicht sagte den anderen und mir eindeutig, dass jedes Nachfragen hier äußerst gefährlich gewesen wäre. Er erinnerte mich an eine überreife Frucht, die kurz vor dem Platzen stand. Er hatte sich seiner Kleidung und sogar der Schuhe entledigt um, außer durch die nun sicher schmerzhafte Kälte, unbehindert klettern zu können. Knie und Ellenbogen, sowie eigentlich sein gesamter restlicher Körper, waren schwer zerkratzt und seine Fäuste wirkten als hätte er damit gegen den Felsen gekämpft. Yolande kümmerte sich an unserem warmen Lagerfeuer oben in dem kleinen Tal schnell um ihn, denn hier konnte eine Erkältung den sicheren Tod bedeuten!

Doch dann änderte sich plötzlich etwas. Der Wind der über unsere Haut wehte, fühlte sich warm an und ich schmeckte einen Hauch von Asche auf meiner Zunge. Wie eine Decke legte sich Stille über uns und dann konnte ich IHN sehen, doch da war er schon die ganze Zeit gewesen. Nun ließ er sich dazu herab sich uns zu offenbaren. Wo eben noch die Wände des Talkessels gewesen waren, zeigte sich ringsum nun der riesige, kaum zu erfassende Drachenleib. Unglaubliche Macht strahlte das goldene Auge aus, das sich nun einer Felsspalte gleich hoch über uns öffnete. Die Stimme eines Wesens, das schon fast alles gesehen und fast alles gehört hatte, erfüllte unsere Köpfe und mit einer Macht die alles bisher gekannte überstrahlte, vernahm ich die Worte Fuldigors, des Beenders „Willkommen, Sterbliche/Ratsuchende/Fragende! Ihr habt den Beginn euer Bestimmung/Suche/Aufgabe erreicht“. Später fiel mir auf, dass er vom Beginn und nicht vom Ende unserer Reise gesprochen hatte, doch in diesem Moment konnte ich es meinen Gefährten nur gleich tun und zusammen mit Yppolita sanken wir auf die Knie vor diesem fast göttergleichen Wesen, dessen Gedanken/Bilder/Fragen und Antworten einem Sturmwind gleich in unsere Gedanken drangen, so stark, dass es kaum auszuhalten war.

Nun wurde mir klar, warum jeder Reisende Fuldigor anders beschrieb. Dieses Wesen war einfach viel zu mächtig, um mit den Worten normaler Sterblicher auch nur annähernd treffend beschrieben zu werden. Schuppen von der Größe mächtiger Reiterschilde, eine Andeutung gigantischer Eichenbäume die sich dem Himmel entgegenstreckten und seine Augen, seine Augen waren schiere Fenster in die Unendlichkeit. Dann hob der Drache erneut zu sprechen/denken/senden an und obwohl er nun direkt zu mir sprach, wusste ich, dass er parallel genauso zu meinen Gefährten sprach. Gewaltige, goldene Augen blickten zu mir herab. Ihr Blick war sanft und gütig und ich fühlte, wie er durch jede Faser meines Herzens drang. Die geschlitzten Pupillen glichen schmalen, hohen Spiegeln aus Obsidian. Meine Unsicherheit, meine Ängste und Zweifel stiegen in mir auf und ich sah sie als schemenhafte Spiegelbilder in diesen uralten Augen erscheinen. Ein schwaches, goldenes Licht glomm tief in der unendlichen Schwärze und nun wurde es stärker, strahlte wie die Sonne und die Schemen der Schatten auf meiner Seele verblassten einer nach dem anderen. Diese Augen strahlten so viel Weisheit aus, dass ich mir in diesem Moment wünschte bis in alle Ewigkeiten in diese Fenster zu unbegrenztem Wissen blicken zu können um wahre Erkenntnis zu erlangen.

„Nun ist es an der Zeit dich von deiner Bürde zu befreien“ war alles was er sagte, doch bei diesen Worten fühlte ich wie sein Blick tiefer in meinen Geist eindrang und die Glyphen des Drakned, die ich seit Wochen in meinem Geist getragen und die mich fast um den Verstand gebracht hatten aus mir heraus zog und vor mir in der Luft schwebend studierte. Nachdem er alles erlangt hatte, was es zu wissen gab, lösten sich die Buchstaben der heiligen Rolle in Luft auf und zum ersten Mal seit vielen Wochen gehörte mein Geist wieder mir, war ich wieder Herr meiner eigenen Gedanken. Nun forderte er mich auf meine Frage zu stellen. Diese Frage hatte ich mir schon vorgenommen, seitdem wir bei Apep erfahren hatten, dass wir zum Allweisen Fuldigor aufbrechen sollten. Eine Frage, die ich mir schon seit der Zeit meines Noviziats gestellt hatte: „Glauben die Wesen im fernen Riesland an die Herrin HESinde?“

Die Stimme des göttergleichen Drachen brandete durch meinen Geist „Wer immer Weisheit sucht, sucht die Nähe der Herrin HESinde. Und wer immer Wissen verbreitet, der dient deiner Herrin, auch wenn er nie ihren Namen gehört hat. Doch unter denen, die wahrhaftig an SIE glauben, hat SIE wie alle Götter viele Namen.

Ich sah vor mir einen fremdartigen exotischen Kontinent, das Riesland. Vor meinem geistigen Auge blitzten Bilder von unzähligen Völkern und Kulturen auf, mehr als ich behalten konnte. Ein Volk stach unter allen anderen heraus, denn es hatte die Herrin selbst als Schutzpatronin vor allen anderen erwählt. Es waren mannshohe Schlangen mit menschlichen Armen und einem menschlichen Kopf. Sogleich wusste ich ihren Namen „Nagah“. Sie lebten sowohl in prächtigen Städten, als auch in primitiven Pfahlbauten und Sümpfen. Doch überall nannten und verehrten sie die HERRIN als „H’Stsiva“. Ich konnte die Nagah in den Schulen fremder Völker und den Palästen fremder Herrscher sehen, wo sie als Berater dienten und die Weisheit der Herrin verbreiteten und dafür hoch geschätzt und verehrt wurden. Doch ich sah noch mehr. Ich sah prächtige Tempel und Paläste zu Ehren der HESinde, in denen das Wissen gesammelt und verehrt wurde und ich sah viele Vertreter anderer Rassen, die der Herrin dienten. Da waren Menschen mit schwarzer, weißer oder gar bunter Hautfarbe, dreifingrige aufrechtgehende Eidechsen, merkwürdig zivilisierte Orks und sogar einen Riesen. Sie alle waren vereint in der Verehrung an die Herrin der auch ich diente.

Es dauerte eine Weile bis ich halbwegs mit dem Sturm der Bilder und Eindrücke fertig geworden war. Ich blickte mich um und erkannte, dass es meinen Gefährten nicht anders ergangen war. Wie lange dies wohl gedauert hatte? Mein Zeitgefühl ließ mich ob der überreichen Sinneseindrücke leider völlig im Stich.

Doch kaum hatten wir Zeit diese Eindrücke zu verdauen, denn nun entschied der Allweise uns den Inhalt der Schriftrolle zu enthüllen. Als erstes offenbarte er uns, dass es sich bei der Schriftrolle tatsächlich um einen Stammbaum handelte. Wir konnten uns selbst vor unseren Ahnen sehen und wiederum vor uns wurden uns unsere eigenen Kinder und Kindeskinder offenbart. Unter diesen Stammbaumlinien wurden besonders die Vorahnen Yppolitas hervorgehoben, Prinz Brin und Kaiserinmutter Emer. Doch dann verblassten die Linien der Ahnenreihen und wir wurden weit in die Vergangenheit gerissen. Irgendwann vor langer Zeit wurden zwölf götterähnliche Entitäten geschaffen, von denen sechs auf gleißenden Schwingen als Hohe Drachen gen Alveran aufstiegen und sechs als Alte Drachen beauftragt wurden über Dere zu wachen. Dann sahen wir, wie die Alten Drachen aus sich selbst heraus ihre Kinder erschufen. Der Focus des Inhalts der Schriftrolle beschränkte sich auf die Stammlinien des gefallenen Gottdrachens, des Wahrers der Elemente, Pyrdacors selbst. Sein erstgeborener Sohn war natürlich gut bekannt – Ancarion. Jener hatte dereinst die Städte der Zwerge angegriffen und bis auf Xorlosch vernichtet. Sein versteinerter Leib ruhte noch heute auf der Insel des ehemaligen Kratersees der alten Zwergenstadt. Ihm folgten einige weitere, von denen ich noch nicht gehört hatte: Der Eisenschmelzer, das Ungeschlüpfte, der Rote Marschall.

Doch dann sandte uns Fuldigor das Bild eines mächtigen Stromes, der sich in zwei Flüsse aufteilte, beide kraftvoll und klar. Offenkundig teilte sich die Geburtslinie hier. Einer der beiden Flüsse blieb breit und stark, während der andere sich wieder und wieder teilte bis es nur noch schmale Bäche waren, klein zwar, aber immer noch klar und kräftig. Weitere Drachen wurden uns enthüllt, Karphegor – Stadthalter des ewigen Gartens, die Wogenreiterin, der Erdmächtige, die Säule der Wacht. Nach einer weiteren Verzweigung kamen dann noch der leidlose Sucher, Ysondara die Diamantfürstin, Himmelszorn und als letztes Nerdana die Todesschwinge.

So viele Namen, so viel Erkenntnis! Doch warum war diese spezielle Blutlinie so wichtig? War es eine Möglichkeit den Gottdrachen wieder zurück zu rufen? Konnte man über die letzte Vertreterin der Liste – Nerdana (von der ich noch nie etwas gehört hatte) – etwa eine Verbindung zur Schöpfung ihres Stammvaters – zu Zze Tha – oder gar zu Pyrdacor selbst aufnehmen?

Doch nun wandte sich Fuldigor wieder uns allen zu und trug uns auf, dass es nun unsere Aufgabe wäre für Ihn in das Schicksal Deres einzugreifen, da er dies nicht tun konnte ohne das Gleichgewicht der Welt zu zerstören - nicht im Karmakorthäon. Denn ansonsten würde es sein Zeitalter werden, das Zeitalter Fuldigors und Menschen und die sterblichen Rassen wären nur Spielsteine und Platzhalter für fast dreitausend Götterläufe. Unsere Aufgabe würde es sein, dass Vergessen der Drachen ob ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit und ihrer größten Schöpfung zu beenden. Sollten wir scheitern, so würden die Drachen anfällig sein für die Versprechungen eines Feindes den er uns mit den Titeln: Ungeborene/ vielfache Verräterin/ Verderberin der Leiber/ Legatin des Namenlosen und Verdorbene Frucht des 11. Zeitalters vorstellte.

„So höret nun die Antwort auf die letzte Frage“ donnerte er zu uns herab, wobei er Fendal anblickte. Ausgerechnet Fendal hatte eine Frage gestellt, die wir alle hören sollten? Ich war völlig bestürzt! „So sehet/höret/verstehet euren FEIND!“ Nun rasten in so rascher Folge Bilder und Eindrücke an mir vorbei, dass ich nur das Wichtigste in Worte fassen kann:

•    Die gewaltige Klaue Pyrdacors, der einen riesigen Kessel voller magischer Energien antippte. Dann erhob sich eine Firnelfe aus der Flüssigkeit des Kessels. Goldene Augen, alabasterweiße Haut, kalt und doch verführerisch – Pardona
•    Pyrdacor im Gespräch mit ihr, doch sie war abgelenkt als wäre da noch jemand
•    Pardona in der Eiswüste vor einem gigantischen Turm in Form einer Flamme und dann der Mord an einem sichtlich alten Elfen, dem sie ein Messer in den Rücken stieß
•    Pardona, die sich verehren ließ und schreckliche, unaussprechliche Experimente an Dämonen und Elfen ausführte, aus denen die ersten Nachtalben hervorgingen
•    Pardona, die den ersten Gletscherwurm erschuf
•    Pardona, die einen Auelfen dazu verdammte zum ersten Elfenvampir – zu einem Feylamia – zu werden
•    Ein Geier und eine Waldlelfe, mittels verderbter Magie zur ersten Harpyie verschmolzen
•    Eislibellen und Eisigel stammten auch aus ihrer Hand
•    Pardona vor einem mannshohen Ei, aus dem ein gigantischer Basilisk mit einer knöchernen Krone schlüpfte, der durch seine Macht eine Elfenstadt in einem tiefen Wald verdorren und sterben ließ
•    Pardona in einem mächtigen Beschwörungsritual, das durch einen mysteriösen magischen Gegenstand schrecklich schief ging und bei dem die überraschte Pardona von schwarzen, aus dem Boden hervorbrechenden  Tentakeln in die Niederhöllen gezerrt wurde.
•    Nach langer Zeit griff eine schwarze, schattenhafte Hand aus Grausamkeit aus der Sternenleere in die finstere Welt jenseits der Ordnung und zog eine fast tote und gefolterte, doch ungebrochene Pardona wieder nach Dere zurück
•    Pardona die sich erneut von Elfen und Nachtalben verehren ließ, während zur gleichen Zeit das mächtige Bosparan fiel
•    Ein Thorwaler mit einer Augenklappe der vor Pardona geschleift und vor ihr auf den Boden geschleudert wurde und den sie bestaunte wie ein unbekanntes Tier
•    Ein Raum in einem Turm aus dunklem Stein. Schnee lag auf dem Fenstersims. Ein riesiger Bannkreis umgab einen Kessel aus schwarzem Metall. Runen glühten auf, der Kessel schmolz und ein Mann von makelloser Gestalt trat stolz hervor. Er betrachtete emotionslos seine sechsfingrigen Hände. Borbarad! Und Pardona die ihm ein Bündnis anbot. Und doch hörten wir seine Antwort „Kein Interesse, ich hätte auch ohne dich bald einen Leib errungen“
•    Eine vor Wut tobende Pardona, die sich einer Gruppe von zwei Magiern, einem RONdranovizen, einer Priesterin der IFIrn, einem Krieger und einem Gaukler – den GEZEICHNETEN – zuwandte und ihnen einen Grakvaloth Dämon auf den Hals hetzte

Dann zeigte uns der Allweise Bilder ihrer Boten und Verbündeten Menschen-Elfen-Geschuppte die ein Netz über Aventurien ausbreiteten. Doch er zeigte uns auch, dass wir nicht alleine in unserem Kampf standen, dass es noch andere gab, die dieses schwarze Netz zerrissen, so gut sie konnten.

•    Geweihte des Götterfürsten und der Herrin HESinde, die das Licht der Wahrheit und der Erkenntnis an finstere Orte bringen
•    Geweihte der Herrin RONdra und er anderen Zwölfe beim Bekämpfen der Übel
•    Agenten der verschiedenen Reiche, geheime Ränke schmiedend
•    Den Magier Salpikon Savertin, dessen Schatten schon die Umtriebe Borbarads bekämpft hatten
•    Eine schattenhafte Gestalt, in einem fast völlig unbeleuchteten Raum nur schemenhaft sichtbar, die vier schuppige Fäuste im Zorn ballt und geschuppte und ungeschuppte Diener in den Kampf sendet.
•    Und schließlich Rakorium Muntagonus – nicht so wichtig wie er denkt – doch auch nicht so alleine wie er befürchtet!

Fast alle Verbündeten waren mir bekannt, doch wer war die schattenhafte Gestalt mit den vier schuppigen Fäusten, die Fuldigor uns als eine unserer Verbündeten präsentiert hatte? In den Erzählungen der Gezeichneten und Schriften über die Urzeit der Echsen wurde von einer Echsenrasse der Ssrkhrsechim gesprochen, die einzige mir bekannte Gattung, die vier Arme aufwies. Angeblich war in altvorderen Zeiten selbst der Alverniar des verbotenen Wissens Borbarad als Vertreter dieser Rasse unter dem Namen N'shr Ssa'Khr Ssech (tul. Ensharzaggesi) aufgetreten. Doch ich hatte noch nie etwas davon gehört, dass diese Wesen heute noch existierten. Selbst von Maraskan hatte es keine solchen Berichte gegeben. Aber diese Überlegungen wurden von weiteren Gedankenbildern des Beenders zur Seite gewischt.
Denn wir sahen wieder das Netz der Intrigen und die Gestalten die an den Fäden des Netzes zogen. Wir konnten knapp 2,5 Schritt große Wesen mit Drachenschwingen und zahnbewehrten Mäulern sehen – Mandraken – die sich berieten und dabei an den Fäden des Netzes zogen. In den Raum der Mandraken trat unübersehbar und doch unbemerkt Pardona die der Mandrake am Kopfende einer langen Tafel ins Ohr flüsterte, auf dass deren Worte die ihren sein würden und ihre Worte sind immer die SEINEN.

Ich sah wie sich LOS Auge schloss und das Karmakorthäon begann. Von der Sternenleere aus breitete sich ein Schatten aus um die Herrschaft über das 12. Zeitalter an sich zu reißen. Von diesem Moment an verbarg der Namenlose das Werk seiner Dienerin vor den Augen des Allweisen und wir spürten, dass er ihre Pläne nun selbst vor den Augen der Götter verbarg.

Da Fuldigor, wie er uns schon mittgeteilt hatte, zum Schutz des Gleichgewichts nicht massiv eingreifen oder uns direkt unterstützen konnte, wies er uns einen anderen Weg und forderte uns auf in seinem Namen zum „Kreis der unbefleckten Sechs“ – vermutlich ein mächtiger Ort der Elemente – zu gehen und dort einen Meister der Luft zur rufen, auf dass er „Den Rat“ einberufen sollte.

Plötzlich schoss wieder heißer Wind über uns hinweg und erneut schmeckte ich Asche auf meiner Zunge. Der Wind riss uns hinweg und ich vermeinte die Landschaft unter uns hinweg rasen zu sehen. Dann beruhigte sich alles wieder und nachdem sich die Welt um uns herum nicht mehr drehte, konnten wir in weiter Entfernung am Horizont den Horndrachenthron erkennen, wo wir doch noch soeben gewesen waren. Eine Beratung von Omjaid und Ardo ergab, dass uns Fuldigor mindestens zehn Tagesreisen weit von unserem Startpunkt aus weggebracht haben musste. Sie konnten auch erkennen, dass wir nicht wieder auf der gleichen Route waren, auf der wir hergekommen waren.

Es dauerte eine Weile bis Ardo bemerkte, dass er nun nicht mehr in seine Unterkleidung und der Decke gekleidet war, in der ihn Fuldigors Erscheinen überrascht hatte. Stattdessen trug er wieder seine geflickte und getrocknete Kleidung. Wie wir alle ebenfalls.

Unter uns konnten wir einen Weg entdecken. Dieser würde uns zwar nicht zu dem Tal der TSA führen, soviel waren wir uns alle unumstößlich sicher, aber dieser Ort der Entspannung war auch nicht mehr nötig. Ich musste mir meine Gefährten gar nicht erst ansehen um zu wissen, dass alle ihre Wunden verheilt waren und sie sich vollkommen gekräftigt, erfüllt und ausgeruht fühlten. Denn nicht anders erging es mir.

So langsam kam ich wieder dazu, die Eindrücke der letzten Stunden zu verarbeiten. Meine heilige Queste war beendet. Äonenalte Weisheit und Wissen, dass außer mir niemand in Aventurien aufweisen konnte, hatte ich erhalten. Selten hatte ich mich der Herren näher gefühlt als wie in diesem Moment, ohne dabei die beglückende Erfahrung der Entrückung machen zu dürfen. Meine Kopfschmerzen waren spurlos verschwunden und ich war bereit neues Wissen in mir aufzunehmen. Und welche Ehre hatten wir erhalten?! Wir, kleine Menschen, waren vom mächtigsten der Alten Drachen beauftragt worden eine Queste zu bestehen, von der das Schicksal der gesamten Menschheit abhängen würde. Zwar hatten wir im Laufe unserer bisherigen Reisen, schon erfahren, welche wichtige Rolle die Drachen noch spielen würden, doch dass wir ein wichtiger Spielstein im Ringen des Namenlosen gegen die Schöpfung sein würden, das trat mir und vor allem meinen Gefährten Ardo und Omjaid erst jetzt so richtig deutlich vor die bisher ungläubigen Augen. Wir würden es sein, die Wissen erlangen würden, wie es kaum jemals einem Sterblichen zuteilwurde und wir würden unseren Teil dazu beitragen können, die Herrschaft über das 12. Zeitalter dem gierigen Griff des Namenlosen selbst zu entziehen und somit das Ende der Schöpfung zu verhindern!

Das war etwas, das nicht einmal die Gezeichneten von sich behaupten konnten. Sie hatten es geschafft die Welt vor dem Zugriff des Dämonenmeisters zu bewahren, aber das hier war nun ein ganz anderes Kaliber.

Schlussendlich musste ich noch kurz schmunzeln, als ich daran dachte, dass vermutlich alle anderen Angehörigen meines Ordens vor Neid platzen würden, wenn sie wüssten welches Wissen mir vor allen anderen Anhängern Nacladors zu teil geworden war und Teil welch wichtiger Aufgabe meine Gefährten und ich nun waren. Frohgemut folgte ich meinen Gefährten, neuen Erkenntnissen entgegen – denn ich kannte den Weg – vielleicht!